Berlin : Bäumchen wechsel dich

Die Fichte am Breitscheidplatz regt Berlin auf – und die Stadt Winterberg bietet beschämt Ersatz an

Stefan Jacobs

Die kahle Fichte am Breitscheidplatz bleibt wohl stehen, aber im Osten wird Weihnachten schön: Gleichmäßig gewachsen, schlank und saftig grün ist die Fichte, die gestern auf dem Weihnachtsmarkt an der Alexanderstraße aufgestellt wurde. Sie muss nicht hinter Schmuck verborgen werden wie der halb nackte Strunk, der tags zuvor an der Gedächtniskirche abgestellt worden war – unter Schmerzenslauten von Passanten.

Der Veranstalter des Alex-Weihnachtsmarktes hat rund 10 000 Euro investiert, wobei der Baum mit 300 Euro deutlich billiger war als Transport und Montage. Das Exemplar an der Gedächtniskirche dagegen hat die Stadt Winterberg im Sauerland frei Breitscheidplatz geliefert, um in die Berliner Medien zu kommen. Das ist ihr auch gelungen – nur anders, als erhofft. Erwähnenswert ist allerdings, dass die Kurstadt gern für ihr Wintersportgebiet „rund um den Kahlen Asten“ wirbt. Pressesprecher Michael Beckmann sagte gestern nach einer Krisensitzung im Rathaus von Winterberg: „Wir bieten dem Berliner Schaustellerverband einen Ersatzbaum an. Donnerstagabend könnten wir ihn auf die Autobahn setzen, so dass er Freitag in Berlin wäre.“ Die Winterberger Förster hätten bereits mehrere Kandidaten ausgewählt. Das zuerst gelieferte Exemplar habe im Übrigen der Schaustellerverband ausgewählt. Doch ebenso wichtig wie der Baum sei der Transport, damit nicht wieder Äste abbrechen: „Der Transport ist der Knackpunkt gewesen.“ In mehrfacher Hinsicht.

An Bäumen mangelt es nicht. Beim Tagesspiegel riefen mehrere Leser an, um Bäume aus ihren Gärten anzubieten. Und der Schaustellerverband konnte sich „kaum retten vor Angeboten“. Manche riefen aus purem Mitleid an, andere wollten das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden und witterten die Chance, endlich Sonne auf Balkon und Radieschen zu bekommen. Doch Christian Wagner vom Schaustellerverband stellte klar: „Der Baum bleibt stehen. Das Angebot aus Winterberg ist sehr nett, aber es bringt unsere Logistik völlig durcheinander.“ Ein Austausch – mit Mietkran und Bautrupp – sei „Geldverschwendung“ und nicht mehr machbar, sobald die Marktbuden stehen.

Auch Winterberg tat sich mit Nadelbäumen schon früher schwer: Im Ort erzählen sie sich gern die 20 Jahre alte Geschichte von dem Arzt, der am Wochenende im Garten ein paar Fichten einbuddelte und von der Stadt wegen Störung der Sonntagsruhe verklagt wurde. Erfolgreicher war eine Aktion des Jazzclubs Winterberg, der zu Weihnachten 1961 die Spendenaktion „Licht an die Mauer“ startete und eine Tanne ins gerade eingemauerte West-Berlin fliegen ließ. Sie wurde am Checkpoint Charlie aufgestellt, wo die Amerikaner sich nach langem Zureden erweichen ließen, Strom für die Beleuchtung beizusteuern. Der 12 Meter hohe Baum soll deutlich besser ausgesehen haben als das aktuell gespendete Exemplar, das auf einem Parkplatz aufwuchs und nun einer Baustelle im Weg stand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar