Berlin : Bahn frei

Andreas Conrad

träumt von toten Gleiskörpern und alten Loks Zu den Erfahrungen tiefster Melancholie und überschwänglichster Freude gehörte in den frühen Achtzigern der Herbstspaziergang über tote S-Bahntrassen. Davon hatte West-Berlin eine Menge zu bieten, und je nachdem, ob man Pufferküsser war oder Naturfreund, vergoss man Tränen über verrostete Gleise oder jubelte über Spontanvegetation. Der Cineast fühlte sich gar an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ erinnert, in dem eine Dschungel-Dampflok auf zugewachsenem Schienenstrang dem Ende aller Dinge entgegendämmerte. War all das nicht hochpoetisch, romantisch? Doch man nehme nun die Gegenwart am Potsdamer Platz: Wie trist, wie grau, wie tot. Ein Gleiskörper, der in der Leipziger Straße aus dem Nichts auftaucht und wieder darin versinkt, tagein, tagaus Ärgernis für die Wagenlenker in ihren schlingernden Automobilen, dazu Anlass manchen Stolperns und Fluchens beim Marathon. Ein meist aufgeweichter Mittelstreifen in der Potsdamer Straße, Ruin hunderter Stöckelschuhe, deren Absätze im Matsch stecken blieben. Wenn doch wenigstens eine alte Straßenbahn um Touristen würbe!

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