Bahn-Reparaturwerk Wittenberge : S-Bahnen werden instand gesetzt

Neues Inventar, neue Böden: Im Nordwesten Brandenburgs werden ausrangierte Berliner S-Bahnen aufgemöbelt. Von Freitag an soll der elfte von 80 Doppelwagen wieder fahren.

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Die Krise der Berliner S-Bahn sichert bis zu 65 Jobs im DB-Werk Wittenberge in der Prignitz, dem größten Arbeitgeber hier.Alle Bilder anzeigen
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31.08.2011 12:29Die Krise der Berliner S-Bahn sichert bis zu 65 Jobs im DB-Werk Wittenberge in der Prignitz, dem größten Arbeitgeber hier.

Neben dem aufgebockten Waggon stehen ausgebaute Deckenverkleidungen, Sitzgestelle, Türen und Fenster. In dem nackten Wagen sitzen insgesamt sieben Handwerker. Sie schrauben Deckenplatten an, montieren Haltebügel und fädeln Kabel – 3610 einzelne Drähte für jeden einzelnen Waggon.

Nebenan sirrt und qualmt der Schweißbrenner, mit dem die neuen Bodenbleche angeschweißt werden. Die Krise der Berliner S-Bahn sichert bis zu 65 Jobs im DB-Werk Wittenberge in der Prignitz, dem größten Arbeitgeber hier.

Mitten im Getöse steht Hans-Günther Dirks und schaut zufrieden, wie seine 485er wiederbelebt werden. Der 64-Jährige hat 1968 bei der S-Bahn angefangen und in den 1980ern die Baureihe 485 mitentwickelt, die im Volksmund „Coladose“ hieß. Im Zuge der „Optimierung S-Bahn“ genannten Ausplünderung des Unternehmens ereilte ihn dasselbe Schicksal wie seine S-Bahn-Züge: Er wurde ausrangiert, obwohl voll einsatzfähig. Dirks gehörte zu jenen, die die alte Chefriege vor der Katastrophe warnten. Unter dem neuen S-Bahn-Chef Peter Buchner wurde Dirks 2009 aus dem Ruhestand zurückgeholt – ebenso wie 20 der um 1990 gebauten Doppelwagen, die seit Jahren vor sich hingammelten, aber immerhin noch nicht verschrottet worden waren wie 60 ihrer eigentlich intakten Artgenossen. Verschrottung befanden die damaligen Manager für lukrativer als die Instandhaltung.

Auf einer eigens errichteten Montagestrecke bekommen die Züge jetzt nicht nur neues Inventar, sondern auch neue Böden. Die sind nötig, weil sich an den alten Bodenplatten feine Risse gebildet haben – vermutlich durch einen Fehler bei der damaligen Fertigung. Am Schweißstand fügen Männer in Schutzanzügen mit umgeschnallten Atemgeräten neue Aluminiumplatten in die über ihren Köpfen aufgebockten Wagen. Wohl einer der härtesten Jobs, den die mehr als 100 Millionen Euro teure Materialschlacht zur Bewältigung des S-Bahn-Desasters hervorgebracht hat. Die Züge werden auf Fernbahngleisen hierher geschleppt, weil die Werkstatt in Berlin-Schöneweide ausgelastet ist. In der vergangenen Woche kam der 80. und damit letzte Doppelwagen in Wittenberge an. Und von Freitag an soll der elfte wieder durch Berlin fahren. Man beachte die laufende Nummer im Führerstand, sagt der ebenfalls nach Wittenberge gereiste Unternehmenschef Buchner. Anhand der Nummer sollen die geplagten Fahrgäste die Fortschritte erkennen können. Dass es nicht schneller geht, liegt laut Buchner an einem zusätzlich nötigen Ausflug einiger Züge nach Dessau in Sachsen-Anhalt. Dort wird eine neue Elektronik eingebaut.

Zurzeit fahren nach Auskunft von Buchner 459 Doppelwagen durch Berlin. Vor der Krise waren es 546, nach Eröffnung des Flughafens BER in Schönefeld würden 575 gebraucht. Im zweiten Halbjahr 2012 hofft Buchner, diese Zahl zu erreichen. Insgesamt solle die Flotte auf 650 Züge wachsen, die dann bis zum Auslaufen des Verkehrsvertrages mit dem Land Ende 2017 durchhalten sollen. Danach müssen die 80 aufgemöbelten 485er und die 70 einst für die BVG gebauten 480er wegen veralteter Sicherheitstechnik ausrangiert werden. Über Hans-Günther Dirks sagt Buchner: „Der darf erst in Rente gehen, wenn wir mit allen 485ern fertig sind.“ Dirks sieht aus, als könne das gern länger dauern.

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