Berlin : Bahn-Streik: Nahverkehr vorerst kaum betroffen

Bei einer Ausweitung des Arbeitskampfes fordert der ADAC kostenloses Parken. Firmen nehmen Güterverkehr-Blockade gelassen

Beim ersten Streiktag der Bahn nach der Urabstimmung werden die Fahrgäste im Berliner Nahverkehr am Donnerstag wahrscheinlich kaum etwas spüren. Regen Güterverkehr, bei dem die Lokführer Gleise für Personenzüge blockieren könnten, gibt es nicht. Und die S-Bahn fährt ohnehin auf eigenen Gleisen. Bei Streiks auch im Personenverkehr solle das gebührenpflichtige Parken auf den Straßen ausgesetzt werden, forderte gestern der ADAC.

Gewinner des drohenden Bahnstreiks sind bisher nur die Mitfahrzentralen. Sie verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Nachfrage. Treffen könnte der für vier Stunden angesetzten Streik im Güterverkehr hingegen transportabhängige Firmen, doch die Berliner Unternehmen bleiben größtenteils gelassen. Die Bahn hat an ihrem Konzernsitz nur wenige Großkunden. Dazu gehören das FordWerk in Zehlendorf, das Kunststoffteile für die eigenen Autowerke herstellt, die Firma Jacobs, die Kaffeebohnen zum Rösten erhält, der Karstadt-Konzern, der nicht verderbliche Güter zum großen Teil auf der Schiene liefern lässt, und Vattenfall mit den Kohlezügen für die Kraftwerke. Ein kurzer Stillstand des Güterverkehrs wirke sich hier kaum aus, hieß es gestern übereinstimmend. Die Kohlevorräte bei Vattenfall sollen sogar bis zu zwei Monate reichen. Der größte Teil der Vattenfall-Kohle wird zudem mit Schiffen auf dem Wasserweg geliefert.

Auf die Straße setzt dagegen das größte Berliner Industrieunternehmen, die Siemens-Niederlassung in der Spandauer Nonnendammallee. Der Konzern liefert nach eigenen Angaben hauptsächlich mit Lastwagen aus. Die Schienenanschlüsse sind schon seit Jahren größtenteils gekappt. Bei einem Streik der S-Bahn hätten die mehr als 12 000 Mitarbeiter wiederum die Möglichkeit, mit dem Auto oder der U-Bahn die Siemens-Werke zu erreichen. Schon bei den Warnstreiks im Juli habe es keine Probleme gegeben. Man prüfe nun, inwiefern Abnehmer von Siemens-Geräten durch einen Bahnstreik beeinträchtigt würden. Eventuell könne es zu Verzögerungen bei der Abnahme von Produkten kommen.

Auch die Berliner Niederlassung des Autoherstellers BMW macht sich wegen eines Arbeitskampfes bei der Bahn bisher keine Sorgen. Die Produktion im BMW- Werk in Spandau ist wegen der Sommerpause ohnehin noch unterbrochen. BMW stellt in Berlin vorrangig Motorräder her, die dann mit Lastkraftwagen über die Autobahnen in die gesamte Bundesrepublik transportiert werden. „Wir verfolgen den Tarifstreit bei der Bahn trotzdem sehr aufmerksam“, sagte BMW-Sprecherin Dörte Einicke gestern. Auch der Berliner Standort des Autokonzerns Daimler-Chrysler in Marienfelde werde durch einen Streik der Lokführer nicht betroffen sein, teilte das Unternehmen mit. Man transportiere die meisten Güter über die Straße.

Der größte Arbeitgeber der Hauptstadtregion ist mit etwa 20 000 Beschäftigten die Bahn selber. „Wir erwarten aber auch bei einem Streik, dass unsere Mitarbeiter pünktlich kommen“, sagte gestern ein Sprecher. Dies gelte auch, wenn später der Berliner Personenverkehr bestreikt werden sollte. Denn für die S-Bahn gebe es bereits einen Ersatzfahrplan; im gesamten Netz soll ein 20-Minuten-Takt sichergestellt werden. Mehr als die Hälfte aller Fahrten soll auch bei einem Streik der S-Bahn-Lokführer stattfinden können. Dafür will die S-Bahn auch Mitarbeiter aus der Verwaltung, die Züge fahren dürfen, einsetzen. hah/kt

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