Bahn und Rad : Regionalzüge auf Abwegen

Der Bahn fehlen Waggons. Deshalb setzt sie die für den Ostsee-Verkehr gedachten Fahrradwagen anders ein. Und die haben weniger Sitzplätze.

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Platz für Fahrräder? Gerade in der Sommersaison, wenn viele Fahrgäste der Bahn einen Ausflug auf zwei Rädern planen, könnte das auf Regionalstrecken eng werden.
Platz für Fahrräder? Gerade in der Sommersaison, wenn viele Fahrgäste der Bahn einen Ausflug auf zwei Rädern planen, könnte das...Foto: Hannibal / dpa

Voll, voller, noch voller. In den Regionalzügen der Deutschen Bahn ist es eng. Und in den nächsten Wochen wird es auf mehreren Linien noch weniger Platz in den Wagen geben. Die Bahn hat einen erheblichen Fahrzeugmangel – und daran wird sich vorläufig auch nichts ändern. Bestellte neue Züge kommen erst langsam in Sicht; der Hersteller Bombardier hinkt der Lieferung schon mehrere Jahre hinterher.

Die Folge: Sogar speziell für den Ostseeverkehr umgebaute Fahrradwagen werden notfalls weitab vom Wasser auf der nachfragestärksten Linie RE 1 (Magdeburg–Frankfurt/Oder) eingesetzt. Vor allem im Sommer wollen viele Fahrgäste zur Ostsee ihr Rad mitnehmen. Entsprechend groß ist der Bedarf.

Wenn Wagen fehlen, etwa bei einer aktuellen Reparatur, versuche man, die Linien mit den meisten Fahrgästen nicht zu schwächen, sagte ein Bahnmitarbeiter. Deshalb soll der RE 1 stets mit den im Verkehrsvertrag mit den Ländern vorgeschriebenen fünf Wagen fahren. „Und wenn es keinen anderen gibt, müssen wir eben den Fahrradwagen nehmen“, sagte der Bahner.

Fahrradwagen haben 20 Sitzplätze weniger

Christfried Tschepe, der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Igeb, ist damit nicht einverstanden. Der Fahrradwagen habe rund 20 Sitzplätze weniger als ein normaler Doppelstockwagen. Dadurch müssten noch mehr Fahrgäste ihre Reise stehend verbringen. Die Fahrradwagen müssten dort fahren, wo sie gebraucht werden: auf den Strecken an die Ostsee.

Herbeizaubern lassen sich die Wagen aber nicht. Bundesweit hat die Bahn kaum noch Reserven. Im Berlin-Brandenburger Nahverkehr fehlten derzeit 13 bestellte Wagen, sagte der Regionalbahnchef von Brandenburg, Joachim Trettin. Schon seit Dezember 2014 sollten fünf Doppelstock-Züge, bestehend jeweils aus zwei Trieb- und drei Mittelwagen, den Verkehr auf der Linie RE 5 (Rostock/Stralsund–Wünsdorf-Waldstadt) verstärken. Doch noch immer hat Bombardier keinen Triebwagen geliefert; bei den Mittelwagen fehlen noch drei Einheiten. Die Bahn hofft, dass die Triebwagen im Sommer zugelassen werden können.

Nach Ansicht von Tschepe, die auch von weiteren Insidern geteilt wird, hat die Bahn aber auch ihre Reserve zu knapp kalkuliert, um Kosten zu sparen. „Eine Strafe wegen des nicht eingehaltenen Vertrags zu zahlen, ist für die Bahn wirtschaftlicher als eine ausreichende Reserve vorzuhalten“, sagt Tschepe.

Zur Not greift die Bahn auf Busse zurück

Wenn es gar keine Reserven mehr gibt, greift die Bahn auf Busse zurück – wie derzeit auf der Linie RE 6 (Wittenberge – Berlin). Dort sollen in der Hauptverkehrszeit zwei miteinander verbundene Triebwagen als sogenannte Doppeltraktion fahren. Weil es zu wenig Fahrzeuge gibt, ist häufig nur ein Solotriebwagen unterwegs. Bei großem Andrang setzt die Bahn dann zusätzlich einen Bus ein, etwa zwischen Hennigsdorf und Neuruppin. Die Fahrt dauert dann allerdings länger.

Die Bahn wollte bereits im Dezember den Betrieb auf modernere Triebwagen umstellen, die aus Nordrhein-Westfalen kommen sollten. Dort werden sie aber noch gebraucht, weil ihr Ersatz durch neue Fahrzeuge ebenfalls nicht planmäßig erfolgt ist. Hier hat der polnische Hersteller Pesa Lieferprobleme.

Und weil für die in den Nordosten kommenden Fahrzeuge die Werkstatt in Neuruppin umgebaut werden muss, müssen sich die Werke in Neubrandenburg und Rostock um die alten Fahrzeuge kümmern. Durch die Fahrt dorthin fehlen sie dem Betrieb jetzt länger als vorgesehen.

Den Verkehr bremsen zudem Baustellen. Auf der Linie RE 5 fallen die Züge zwischen Berlin und Oranienburg, wie berichtet, noch bis zum 14. Juni aus. Ursprünglich sollten sie vom 6. Juni an wieder fahren. Doch auf der Baustelle am Karower Kreuz dauern die Arbeiten länger als geplant.

Abschrecken lassen sich die Fahrgäste aber nicht: Im vergangenen Jahr ist ihre Zahl um gut fünf Prozent gestiegen.

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