Berlin : Bahnchef lässt die Kunden im Freien stehen

Klaus Kurpjuweit

Bahnchef Hartmut Mehdorn will auf dem milliardenteuren Lehrter Bahnhof, der eine Vorzeigestation der Deutschen Bahn AG werden soll, Fahrgäste im Freien stehen lassen. Um die Arbeiten zu beschleunigen, die mehrere Jahre Verspätung haben, soll das Hallendach kürzer als geplant gebaut werden. Eine Genehmigung dafür gibt es jedoch noch nicht. Die Arbeiten dafür aber beginnen.

Erst vor wenigen Wochen war nach einem langwierigen Verfahren die Genehmigung für den Bau des geplanten 430 Meter langen Hallendaches eingetroffen. Es sollte die vier Gleise mit zwei Bahnsteigen der Fernbahn und den Bahnsteig mit zwei Gleisen der S-Bahn in einer Höhe von maximal 16 Metern stützenfrei überspannen. Auch der längste ICE sollte vollständig unter das Glasdach passen.

Jetzt will Mehdorn dieses Dach, das auch zu einem architektonischen Zeichen werden sollte, anknabbern, um schneller mit den Arbeiten fertig zu werden. Der Bahnhof soll zur Fußballweltmeisterschaft 2006 den Betrieb aufnehmen. Das Hamburger Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner, das den Superbahnhof entworfen hat, bestätigte gestern den Kürzungswunsch der Bahn, den man widerstrebend akzeptiert habe. Ein langer ICE wird dann nicht mehr komplett unter das Dach passen. Fahrgäste in den vorderen und hinteren Wagen müssen so unter freiem Himmel aussteigen.

Zur Montage der Träger, die morgen beginnt, waren ursprünglich sieben Monate vorgesehen. Jetzt gibt die Bahn den Dachbauern nur noch Zeit bis zum 16. Juni. "Dann werden wir sehen, wie weit wir sind", sagte Siegfried Knüpfer, der Chef der DB Projekt Verkehrsbau. Eine Mindestlänge müsse aber erreicht werden.

Für die Kurzdachversion muss die Statik nun zum Teil neu berechnet werden, bestätigte das Eisenbahn-Bundesamt. Die Lastverteilung auf die Träger verändere sich nun. Geplant waren 36 solcher so genannter Binder, jetzt soll die Zahl dem Vernehmen nach auf 23 reduziert werden. Die Neuberechnung kann wiederum Zeit kosten, die Mehdorn gerade gewinnen will.

Um den Eröffnungstermin zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 einhalten zu können, müssen die Gleise jetzt ohne weitere Verzögerung von ihrer heutigen Lage auf die neuen Bahnhofsbrücken nach Süden verschwenkt werden. Erst dann kann nach dem Abriss des S-Bahnhofes die letzte Baugrube für den Fernbahnhof ausgehoben werden. Weil beim Verschwenken der Gleise nacheinander der Fern- und der S-Bahn-Verkehr unterbrochen wird, ist der frühest mögliche Termin dafür der 16. Juni. Und den will Mehdorn unbedingt nutzen. An diesem Tag soll die letzte Lücke im S-Bahn-Ring zwischen Westhafen und Gesundbrunnen geschlossen werden. Und der Ring soll dann als Umfahrungsstrecke der Großbaustelle in der Innenstadt genutzt werden.

Zum Start der Dacharbeiten will morgen auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kommen. Von der Kürzung sieht man dann noch nichts.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar