Berlin : Bahnhof für Bildhauer

Ein niederländisches Künstlerehepaar bietet in der alten Station in Sperenberg Hobbykurse an Und wer für mehr als einen Tag bleiben will, soll dort bald schon übernachten können.

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Zwei Holländer in Brandenburg. Die Künstler Ine (rechts) und Wouter Spruit wollten eigentlich nach Frankreich –
Zwei Holländer in Brandenburg. Die Künstler Ine (rechts) und Wouter Spruit wollten eigentlich nach Frankreich –

Sperenberg - Im alten Bahnhof von Sperenberg wird gehämmert, geschliffen, gemeißelt – und niederländisch gesprochen. Das Ehepaar Ine und Wouter Spruit hat das Gebäude in der Nähe des ehemaligen Militärflugplatzes, der beinahe zum Großflughafen Berlin-Brandenburg geworden wäre, mit ihrer Kunst zum Leben erweckt. Wer sich für Bildhauerei interessiert, kann sich hier ab sofort fachmännisch beraten lassen und Kurse belegen sowie Steine, Werkzeuge und viele andere Dinge für dieses Hobby kaufen.

Auf dem Bahnsteig, an dem 1892 der erste und 1998 der letzte reguläre Zug hielt, weisen bereits Skulpturen den Weg ins Atelier. Spätestens ab Mai stehen in dem einstigen Haltepunkt der Königlich- Preußischen Militäreisenbahn auch Gästewohnungen für Teilnehmer zur Verfügung. „Wir haben das Modell einer offenen Bildhauerwerkstatt in Belgien gefunden“, erzählt der ausgebildete Software-Ingenieur Wouter Spruit. „Dort fahren die Leute bis zu zwei Stunden mit dem Auto, um ihr Hobby auszuleben.“

Deshalb sei schon vor einigen Jahren der Gedanke gereift, sich eine Existenz als selbstständiger Bildhauer, Händler und Lehrmeister für Anfänger und Fortgeschrittene aufzubauen. Zuerst suchten die beiden nach einem geeigneten Areal in Frankreich. Dort habe es zwar nicht an geeigneten Gebäuden für Künstler gefehlt, erzählt der Mann aus Eindhoven. „Aber leider befanden die sich alle ziemlich weit weg von größeren Städten, so dass wir eine zu geringe Nachfrage nach unseren Angeboten befürchteten.“

Über das Internet begannen die beiden, die Lage rund um Berlin zu sondieren. Dabei stach ihnen schon rasch der alte Sperenberger Bahnhof ins Auge. Die Niederländer konnten damals aber noch nichts von der großen Bekanntheit des Ortsnamens gerade in Berlin und Brandenburg ahnen. Hätten sie gewusst, dass die angeblich zu große Entfernung Sperenbergs von Berlin einst den Ausschlag für Schönefeld als Standort des neuen Großflughafens gegeben hatte, wären sie vielleicht gar nicht erst in den Süden Berlins gefahren. So aber machten sie eine für sie erstaunliche Entdeckung: Die Fahrt mit dem Auto dauerte weniger als eine Stunde.

Heute sind die Spruits froh, dass Sperenberg seinen ruhigen Charakter behalten hat und ihr Bahnhof nicht einer modernen ICE-Station gewichen ist. „Wir fühlen uns hier sehr wohl und kommen selbst mit den Auflagen des Denkmalschutzes gut zurecht“, sagt Ine Spruit. Diese betreffen aber nur die Außenhülle des Hauses. Im Innern erinnert nichts mehr an die glorreiche Eisenbahnzeit, die hier immerhin ganz in der Nähe einen Eintrag in die Geschichtsbücher hervorbrachte: Auf einem etwas weiter nördlich gelegenen Abschnitt der Königlich-Preußischen Militäreisenbahn erreichte ein von der AEG gebauter Versuchstriebwagen am 28. Oktober 1903 eine zur damaligen Zeit unglaubliche Geschwindigkeit von 210 Kilometern pro Stunde.

Völlige Ruhe herrscht aber auch jetzt nicht auf den Gleisen vor dem Bahnhof. Im Frühjahr beginnen wieder die Draisinenfahrten von Zossen über Mellensee bis nach Jüterbog. In Sperenberg können die Gäste dann aussteigen und einen Bummel durch das Atelier machen.

„Vielleicht findet der eine oder andere Spaß an der schönen Bildhauerei“, sagt Wouter Spruit. Auch Anfänger hätten meist großen Spaß daran. „Wir stellen ganz unterschiedliche Steine und Werkzeuge zur Verfügung.“ Da habe schon so mancher Laie gestaunt, wenn er nach einer gewissen Zeit ein Gesicht oder eine Skulptur aus Mergel, Speckstein, Alabaster oder Marmor zaubert. Wer zu einem sechsstündigen Tageskurs nach Sperenberg kommt, erhält auch Kaffee, Kuchen und eine Brotzeit am Mittag.

Obwohl das Angebot in Deutschland bislang einmalig ist, hat Wouter Spruit eine Sorge: „Steinmetz“ will er nicht genannt werden. „Da denkt man in Deutschland doch gleich an Grabmale.“

Alle Informationen unter www.bickartsupplies.eu. Ein Tageskurs kostet einschließlich Anleitung, Material, Werkzeug und Verpflegung 55 Euro.

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