Berlin : Balanceakt mit drei Frauen

Der Weihnachtszirkus Roncalli bezirzte mit schwindelerregender Anmut und geistvoller Muskelkraft

Elisabeth Binder

Ein Mann balanciert eine endlos lange Stange auf der Stirn. Drei Frauen klettern hintereinander hinauf, ehe sie hoch oben in der Zirkuskuppel ein Triangel formen. Der Mann, der sie trägt, biegt den Kopf weit nach hinten, wankt, aber er fällt nicht. Im Tempodrom hatte am Donnerstagabend der Weihnachtszirkus von Roncalli Premiere. Die „Strangers“ aus Russland führten die Stangen-Nummer auf. Es waren überraschend viele Kinder gekommen, die mit großen Augen versuchten, den Wundern, die dort von Artisten und Clowns vollbracht wurden, auf die Spur zu kommen. Da wirbeln Körper umeinander her wie Federn. In schwindelerregender Anmut. Leicht sieht das aus, erstaunlich grazil wirken die Körper. Und doch steckt eine fast unfassbare Kraft dahinter. Geistvolle Muskelkraft, nicht Furcht einflößend, sondern eher inspirierend. Wie ein Gedicht über alles, was Menschen aus sich herausholen können.

Das führte in einer großartigen Pantomime der Broadway-Star David Shiner vor, der als genervter Film-Regisseur eines schussreichen Liebesdramas mit drei Kandidaten aus dem Publikum eine wunderlustige Slapstick-Show hinlegte. Hier befanden sich – echte Hollywood-Regisseure aufgepasst! – einige besonders begabte Showtalente unter den Zuschauern. Shiner versteht es, seine Kandidaten so zu stimulieren, dass sie alles geben, was an verborgenen Clown-Talenten in ihnen steckt, bis die Leute auf den Rängen sich biegen vor Lachen.

Viele bezaubernde Momente wären erwähnenswert. „Ach, wie schön“, hauchte das kleine Mädchen in der hinteren Reihe, als ein Schimmel mit Reiter anfing zu tanzen mit einer rassigen Ballerina in gelben Volants. Die leidenschaftliche Rhapsodie am Reck des Quartetts „Rokashkov“ und die erstaunlichen Einhandstände von Jacqueline Alvarez zeigten weitere atemberaubende Aspekte der Vermählung von Kraft und Leichtigkeit.

Inmitten von etwa 40 fliegenden Ringen war die begriffsstutzige Oma Ramirez aus dem Clan der Jongleure lustig lebensnah, und das Konfetti-Feuerwerk mit Papierherzen und Luftschlangen am Schluss geradezu rührend. Dazu das Lied vom „Little Drummer Boy“. So müssen die Weihnachtsgeschenke des Trommlerjungen ausgesehen haben, voller Poesie, voller Lächeln, voller Lust an den Möglichkeiten, die Menschen gegeben sind.

Vorab hatte Event-Managerin Isa Gräfin von Hardenberg zum Auftakt ihrer neuen Reihe von Kultur Specials mit Rahmenprogramm zum Premierenempfang geladen, den neben dem britischen Botschafter Sir Peter Torry, seiner Frau Angela und Autor Wolfgang Menge auch Regisseur Volker Schlöndorff, stilecht in einer roten Zirkushose, besuchte. Zirkusdirektor Bernhard Paul musste sich am Premierenabend wegen einer schweren Grippe mit einem Minimalauftritt in der Manege begnügen.

Ein bisschen Stilberatung hätten die Gäste gebrauchen können, die schon beim Finale mit Musik und bunten Luftballons geräuschvoll ihren Aufbruch inszenierten. Wunder muss man ein bisschen wirken lassen, dann tun sie besser als die mit gespartem Applaus herausgeholten fünf Extraminuten Nachtschlaf. Sicher bei einer Premiere zieht sich das Programm leicht hin; vielleicht ließe sich die Konzentrationskapazität der Zuschauerauer aber exakter ausschöpfen, wenn der Tanz der Möglichkeiten nicht drei Stunden dauerte. Es gibt eben so viel zu schauen: Verrückte Fußakrobatik, die bunte Tücher wie Schirme kreiseln lässt oder die Faxen des weißen Clowns Pipo, dem niemand glauben will, wie gut er mit der Armbrust umgehen kann. Noch mal ein Kandidat aus dem Publikum, diesmal zitternd in den Schleuderspielen der griechischen Ouzo Metaxa Gruppe: Am Ende löst sich die Spannung in Lachen auf. Vom Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die der anderen handelt Zirkus (unter anderem) ja wohl auch.

Bis zum 2. Januar 2005, Ticket-Telefon 01805-170517

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben