Berlin : Bambini mit Schlagseite

Das Tennis-Tief ist überwunden: Immer mehr Kinder haben Spaß am Sport. Im Verein lernen sie mehr als ein Match zu gewinnen

Annette Kögel

Wenn Julia den Schläger vor sich auf den Boden stellt, ist der fast so groß wie sie. Doch Pause macht die Fünfjährige nur selten: Sie schlägt vorn am Netz, rennt übers Feld, sammelt Bälle. Die Kleine kommt erst in die Vorschule, aber was eine Vorhand ist, weiß sie schon genau. Julia macht diese Woche mit beim Tenniscamp vom „T.C. Grün-Weiß Nikolassee 1925“ in Steglitz-Zehlendorf.

In den 202 Tennisvereinen in Berlin und Brandenburg spielen knapp 42000 Sportler. 9300 von ihnen sind jünger als 18 Jahre, sagt Dieter Rewicki vom Tennis-Verband Berlin-Brandenburg. Das waren schon mal mehr – damals, als Boris Becker und Steffi Graf die Tenniswelt reformierten. Mitte der 80er Jahre gab es in den Clubs lange Wartelisten, und wer endlich rein durfte, musste nicht selten einen vierstelligen D-Mark-Betrag als Aufnahmegebühr entrichten. „Ende der 80er Jahre ging die Zahl dann um 7000 zurück“, sagt Dieter Rewicki. Mittlerweile ist das Tennis-Tief aber überwunden, die Leute treten wieder ein in den Verein. Auch deshalb, weil sich Clubs wie Grün-Weiss Nikolassee aktiv um Nachwuchs kümmern.

„Jetzt komm, lauf hin, den hast du!“, feuert der 23-jährige Sportstudent und Jugendtrainer Benny die Kinder an. Julia lässt vor Aufregung die Zunge von einem Mundwinkel zum anderen wandern. Auch Lavinia, sechs, steht vorm Netz im Hulahup-Reifen an – die Trainer haben diese Ringe auf die Erde gelegt. „Superkanone“, lobt Trainer Benny den kleinen Luca. Der vierjährige Sohn von Grün-Weiß-Jugendfachmann Mark Vömel spielt wie seine beiden Schwestern Laura und Luisa Tennis. Weil er selbst Lust hat, nicht, weil die Eltern ihn drängen. Jetzt aber erst einmal Pause. Was ist Julias Lieblingsgericht? „Ich esse gerne Spinatsuppe.“ Und Lavinia? „Am liebsten Nudeln.“ Die Erwachsenen haben auf der Tennisanlage mit Spielplatz im Grünen die Holzbänke unter dichten Bäumen schon gedeckt. Heute gibt es Spaghetti. Jetzt legt auch Jugend-Experte Mark Vömel den Schläger beiseite. Der 42-jährige dreifache Vater aus Zehlendorf organisiert das Feriencamp. 650 Mitglieder hat der T.C. und gehört damit zu den zehn größten Clubs. 130 Jugendliche trainieren am Kirchweg: im Kinderzirkel, im Tenniskindergarten, im Kader.

Im Südwesten Berlins müssen sich die Vereine mehr um Nachwuchs bemühen als in der Innenstadt. In Neukölln und Wedding schicken Eltern ihre Kinder von ganz alleine in den Verein, weil sie ihnen eine sportliche Karriere ermöglichen möchten. In Zehlendorf hingegen wüssten manche Kinder nicht, wann sie zwischen Tennis, Golf und Reiten überhaupt noch Schularbeiten machen sollen, so der Eindruck von Mark Vömel. Dennoch haben einige Kinder Defizite bei der Motorik, sagt er. „Manche können nicht einmal mehr rückwärts laufen; sie spielen wohl die ganze Zeit am Computer.“ Beim Tennis lernen sie dann auch zu kämpfen, sich durchzusetzen, mit Niederlagen umzugehen, wirbt der Trainer für seinen Sport. Der Verein sei zudem soziales Lernfeld: Bärbel Kühnast, Mutter von Tennistrainer Benny, ist als ehemalige Kaderspielerin Jugendwartin bei Grün-Weiß. Zu ihr kommen „die Kiddies auch mit persönlichen Problemen“, sagt die 42-Jährige.

Julia und Lavinia braucht Bärbel Kühnast nicht zu bemuttern. Die Mädels fegen über den Platz, verscheuchen die Wespen und lutschen Eiswürfel. Und, könnt ihr euch vorstellen, Tennisprofi zu werden? Blick in die Runde. Nein, die Traumjobs hier auf dem Court lauten: Schauspielerin, Balletttänzerin, Fußballspielerin.

T.C. Grün-Weiss Nikolassee, Kirchweg 24-26, 14129 Berlin. Telefon 8035432. Internet: www.gw-nikolassee.de.

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