Bandidos und Hells Angels : Rocker laufen zum Feind über

Mehr als 70 Rocker der Bandidos sind am Dienstag zu den verfeindeten Hells Angels übergelaufen. Dieser einmalige Vorgang dürfte den Krieg zwischen den verbliebenen Bandidos und den massiv erstarkten Hells Angels dramatisch anheizen.

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Erkennungszeichen Kutte. Stadtweit wurden Polizisten und zivile Aufklärer zu den Clubhäusern der Rockergangs beordert. -Foto: ddp

Berlin - Das für die Bekämpfung der Rockerkriminalität zuständige Landeskriminalamt setzte am Mittwochnachmittag einen internen Warnhinweis ab. Stadtweit wurden Bereitschaftspolizisten und zivile Aufklärer zu den Clubhäusern und Treffpunkten der beiden Rockergangs beordert. Hintergrund des Wechsels ein interner Machtkampf bei den Bandidos.

In der vergangenen Woche sollen sich die Chapter „El Centro“ und „Southside“ eine blutige Auseinandersetzung geliefert haben. Daraufhin entschlossen sich die Rocker von „El Centro“ mit ihren Unterstützern, zum Feind überzulaufen – und zwar ausgerechnet einen Tag vor dem 20. Geburtstag der Berliner Hells Angels am Mittwoch. Bis zum Abend hatte die Polizei jedoch keine Kenntnis von einer Siegesfeier. Auch die Hauptversammlung der Hells Angel in Potsdam am Mittwoch wurde abgesichert.

Dass ein komplettes Chapter überläuft, sei bislang unvorstellbar gewesen, sagen Polizeiexperten. Vor allem in Skandinavien hatte es in den 90ern Konkurrenzkämpfe mit einer Vielzahl von Toten gegeben, dabei waren selbst Panzerfäuste eingesetzt worden. Diese Rivalität setzte sich auch in Deutschland mit mehreren Toten fort. Aufsehen erregte vor allem eine Bandidos-Attacke im August 2008 mit Macheten in Charlottenburg ausgerechnet auf einen Vizepräsidenten der Hells Angels – und ausgerechnet vor deren Clubhaus. Im vorigen Jahr gab es dann einen Toten: Nach dem Mord am „Höllenengel“ Michael B. in Hohenschönhausen im August hatte die Polizei mit großem Personaleinsatz befürchtete Racheakte verhindert. Wie berichtet, wollte B. möglicherweise zu den Bandidos überlaufen. Der Mord ist bislang nicht aufgeklärt, wird nicht von der Mordkommission, sondern der Abteilung 4 im LKA bearbeitet – die gestern auch die interne Warnung absetzte. Mit Razzien und Kontrollen wurde beiden Seiten zuletzt gezeigt, dass die Polizei präsent ist.

Wie es im LKA hieß, sei die Lage nun völlig unübersichtlich. Aus drei Gründen seien Gewalttaten jetzt wahrscheinlich: Die bei den Hells Angels neu aufgenommenem Mitglieder von „El Centro“ müssen erst ihre Loyalität beweisen – durch besonders mutige Taten. Zudem sind die Hells Angels jetzt in Siegerlaune, weil sich das bislang eher in Richtung Bandidos tendierende Kräfteverhältnis nun stark zu Gunsten der Hells Angels verschoben hat. Und, drittens, die Bandidos sind nach diesem einmaligen Ansehensverlust nun unberechenbar.

Seit Jahren streiten Hells Angels und Bandidos in der Region um die Vorherrschaft im Geschäft mit Prostitution, Drogen- und Waffenhandel. Der Bund deutscher Kriminalbeamter warnte schon nach dem Mord an B. vor Vergeltungsaktionen, bei der auch die Bevölkerung gefährdet sein könnte. Denn mehrfach hatten sich die Clubs auf offener Straße mit Schusswaffen bekämpft. Wegen der massiven Verfolgung durch die Polizei wichen die Rocker in den vergangenen Jahren nach Brandenburg aus. Auch dort kam es zu vielen Gewalttaten. So hatte es in Eberswalde im Juni 2009 einen Angriff auf drei Hells Angel bei Eberswalde gegeben, alle drei wurden schwer verletzt. In Potsdam gab es dann im August 2009 eine Schießerei zwischen den Hells Angels und dem Gremium MC mit drei Verletzten. Jörn Hasselmann

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