Berlin : Banken-Skandal in achtzig Kisten

Mit einem Lieferwagen brachten Anwälte und Anleger ihre Klageschriften zum Gericht

Klaus Kurpjuweit

Das war auch für die Justizangestellten eine Premiere: So viele Akten auf einen Schlag hatten sie bisher noch nie entgegengenommen. Doch wussten sie ja, was auf sie zukommt. Vor dem Landgericht am Tegeler Weg in Charlottenburg hatten sie schon zwei Transportwägelchen bereit gestellt – und warteten frierend gemeinsam mit den Anwälten der Kläger auf den Lastwagen, der die Akten bringen sollte. 6500 Klagen gegen die Bankgesellschaft sind in ihnen zusammengefasst.

Die Anwälte werfen der Bankgesellschaft vor, unwahre Angaben in den Prospekten ihrer Immobilienfonds gemacht zu haben. Anleger fürchten nun, dass sie ihre Einlagen nicht, wie von der Bankgesellschaft versprochen, nach 25 bis 30 Jahren zurückerhalten und die zugesagten Renditen nicht erreicht werden.

Der 49-jährige Finanzbeamte Michael Ernst, auch er ein Kläger, war selbst gekommen, um einige Kisten zu schleppen. Insgesamt waren die Unterlagen in fast 80 Umzugskartons verstaut, die einen Lieferwagen bis unters Dach füllten.

Monatelang waren die Kanzleien damit beschäftigt, die Klageschriften zu erstellen, sagte Tibet Neusel, einer der Anwälte. Nun muss sich das Gericht durch die Akten arbeiten – was ebenfalls Monate dauern dürfte. Neusel erwartet, dass die ersten Verfahren im Herbst beginnen.

Möglich bleibt aber auch, dass sich die Kontrahenten vorher außergerichtlich einigen. Prozesse seien nicht das Ende von Gesprächen, sondern häufig erst der Anfang, sagte Anwalt Wolfgang Schirp, der den Aktionsbund Aktiver Anlegerschutz vertritt. Vorwürfe der Anwälte, alle Versuche, sich außergerichtlich zu einigen oder einen Verzicht auf die Verjährung zu erreichen, seien gescheitert, wies die Bankgesellschaft zurück. Es habe mehrere Angebote gegeben, auf eine so genannte Einrede bis zum 31. Dezember 2005 zu verzichten. Nun werde man abwarten, wie das Gericht entscheide.

Die mehrheitlich landeseigene Bankgesellschaft war durch umstrittene Immobiliengeschäfte in die Krise geraten. Das Land musste kurzfristig 1,7 Milliarden Euro in die Bankgesellschaft pumpen und eine Bürgschaft über insgesamt 21,6 Milliarden Euro abgeben.

Anleger Ernst wirft der Bankgesellschaft vor, vorsätzlich mit „Schrottimmobilien“ gehandelt zu haben. Versprochen worden seien dagegen „ausgewählte Zukunftsprojekte“.

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