Berlin : Bankenprozess geht zum Jubiläum in die Pause

Seit einem Jahr sitzen 13 frühere Manager wegen Untreue auf der Anklagebank Landowsky und seine Ex-Kollegen sind sich weiterhin keiner Schuld bewusst

Katja Füchsel

Sein Zorn hat das Jahr nicht überlebt. Als Wolfgang Steinriede zum ersten Mal im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts das Wort ergriff, hielt den 72-Jährigen nichts auf dem Stuhl und hinter jedem seiner Sätze schwang noch ein Ausrufezeichen mit: Ungeheuerlich, seien die Untreue-Vorwürfe! Zutiefst verletzend! Ein böser Traum! Gestern hat der einstige Bankgesellschafts-Chef ein zweites Mal ausgesagt, eine Stunde lang sprach Steinriede über Kreditentscheidungen, Wertberichtigungen, Gewinnrücklagen – um dann zu dem Schluss zu kommen: „Ich frage mich nahezu jeden Tag, warum es ausgerechnet in diesem Fall zu diesem Prozess gekommen ist.“ Steinriede klingt nicht wütend, eher resigniert.

Es wirkt, als wäre im Saal 700 die Zeit stehen geblieben. Wie zum Auftakt vor einem Jahr ist es draußen brüllend heiß, drinnen haben die meisten der 13 ehemaligen Bankmanager ihre Sakkos ausgezogen. Die Angeklagten – darunter auch der frühere Vorstand der Berlin Hyp Klaus Landowsky (64) und der Ex-Bankgesellschafts-Chef Wolfgang Rupf (63) – sitzen noch in derselben Reihenfolge zwischen ihren 27 Verteidigern, nur die bunten Namensschilder sind verschwunden. Ein Jahr, insgesamt 47 Verhandlungstage, haben die Angeklagten bislang hinter sich gebracht, sie haben 26 Zeugen gehört, über sieben Meter Akten verhandelt – und dürften sich alle einig sein: Wirklich Neues hat der vermutlich größte Wirtschaftsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht zutage gebracht. „Nur Nuancen stellen sich jetzt anders dar“, sagt Staatsanwältin Vera Junker. Nächste Woche wird sich das Gericht in eine vierwöchige Sommerpause verabschieden.

Es ist unwahrscheinlich, dass in einem Prozess jemals so viele Lebensjahre auf der Anklagebank zusammengekommen sind: Die meisten der Beschuldigten sind Ende 60, Steinriede ist der Älteste im Bunde. Laut Anklage sollen die 13 Spitzenmanager der Berlin Hyp dafür verantwortlich sein, dass man Aubis über 235 Millionen Euro unzureichend gesicherter Kredite überwies. Vera Junker wirft den Bankern Untreue im besonders schweren Fall vor, weil sie hohe Risiken nicht beachtet hätten.

Was die Angeklagten vehement bestreiten. Die zentralen Argumente dürfte das Gericht nun an die 20 Mal gehört haben: Die Kreditvergabe sei aus damaliger Sicht vertretbar gewesen, heißt es. Niemand habe die Bevölkerungsentwicklung in den neuen Ländern vorhersehen können. Hätte man die beanstandeten Folgekredite verweigert, wäre Aubis in die Insolvenz gegangen – und der Schaden für die Bank weitaus höher ausgefallen. Steinriede war die treibende Kraft, als Ende der 80er Jahre in Berlin die Idee von der späteren Bankgesellschaft geboren wurde. Mit grauem Haar und Anzug sitzt Steinriede jetzt vor der Richterbank und beteuert: „Entscheidend war für mich stets, dass eine Entscheidung nach sorgfältigem Abwägen erfolgte.“

Über die Schlüsselfiguren des Bankenskandals, die ehemaligen Aubis-Manager Christian Neuling und Klaus Wienhold, wird in Saal 700 zwar oft gesprochen, anwesend aber waren sie nie. Während Neuling eine Zeugenaussage ablehnt, um sich in einem anderen Verfahren nicht selbst zu belasten, leidet Wienhold unter psychischen und physischen Problemen und gilt seit März als verhandlungsunfähig.

Noch hat sich niemand die Mühe gemacht, die Kosten des Verfahrens zusammenzurechnen. Die Beschuldigten, die sich fast alle von zwei Verteidigern vertreten lassen, stöhnen schon lange über die sich anhäufenden Beträge, einige rechnen mit Kosten jeweils in Höhe von rund 200 000 Euro. Knapp die Hälfte der Beschuldigten muss zum Prozess zweimal in der Woche aus Westdeutschland anreisen; gestern war dann mal wieder nach zweieinhalb Stunden Schluss.

Aber es ist ein Ende in Sicht. Einige erwarten das Urteil im Oktober, andere im November – aber niemand noch vor der Abgeordnetenhauswahl. Allein die Plädoyers dürften sich über Wochen hinziehen – jedenfalls wenn sich die 27 Verteidiger Vera Junker zum Vorbild nehmen. „Ich brauche einen ganzen Tag“, kündigt die Staatsanwältin an. Mindestens.

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