Berlin : Bar jeder Sprachkunst

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Vieles, was die Regierung tut, findet die Opposition unverantwortbar, und vieles, was die Opposition fordert, hält die Regierung für undiskutierbar. Nicht alles Wünschbare ist leistbar, nicht jede Position verhandelbar. Mancher schöne Plan ist nicht umsetzbar. Es gibt Probleme, die unlösbar sind und wenn doch, dann jedenfalls nicht so schnell entscheidbar (obwohl man ja nicht über das Problem, sondern über die Lösung desselben entscheidet). Die Gesundheitsreform ist unaufschiebbar, die Erhöhung der Mehrwertsteuer nicht mehr aufhaltbar.

Unsere Politiker sind auf -bar gestimmt, nicht nur sie, aber sie besonders. Nichts gegen das Suffix -bar, man kommt gar nicht ohne Adjektive mit dieser Endsilbe aus. Es ist nur sonderbar, wie sich die Nachsilbe nach vorn schiebt und Synonyme niederwalzt. Selbst geschwollene Substantive mit -bar müssen offenbar sein. „Aufgrund des fehlenden Instrumentariums zur Überprüfung der erbrachten Leistungen erfolgen die (...) Mittelkürzungen nicht unter Berücksichtigung klarer fachlicher Begründbarkeit und Vertretbarkeit, sondern unkoordiniert (...)“, meinte die FDP-Fraktion des Abgeordnetenhauses in einem Antrag.

Adjektive mit dem Suffix -bar sollen ausdrücken, was mit einem Wesen oder einer Sache geschehen kann. Sie sind beliebt, weil sie eine knappe Aussage gestatten. Sprachökonomisch nennt man das. Die Straße ist befahrbar; sie kann befahren werden. Über verfügbares Geld kann man verfügen. Politiker lieben Wörter auf -bar über alles. Das soll stark klingen, energisch. Dies ist leistbar, der Weg ist gangbar, und damit Punkt. Bei genauem Hinhören klingt es freilich oft nicht so stark. Man weiß ja nicht, ob das, was leistbar ist, tatsächlich geleistet wird und ob ein gangbarer Weg der beste ist.

Unser Wortschatz ist bunt und vielfältig, aber unter Modewörtern ersticken Synonyme. Die Endsilben -lich, -sam und -abel haben gegen -bar kaum noch eine Chance. Den Sprachverderbern ist die richtige Melodie gar nicht mehr „erinnerbar“. Verständlich wird zu verstehbar, akzeptabel zu akzeptierbar, unverwüstlich zu unverwüstbar, verantwortlich zu verantwortbar, selbst käuflich zu kaufbar, unaufhaltsam zu unaufhaltbar, unverzeihlich zu unverzeihbar und so fort. Auch der natürliche Infinitiv bleibt dabei auf der Strecke. Das ist nicht zu begreifen, ach was, nicht begreifbar.

Man kann direkt von Glück sagen, dass Wörter auf -bar nur von transitiven Verben abzuleiten sind, also von Verben, die im Gegensatz zu intransitiven die Passivbildung erlauben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Verzichten ist intransitiv, doch manches ist unverzichtbar. Das ist auch mit einigen Wörtern auf -bar so; viele andere sind ungenießbar und trotzdem in aller Munde, bar jeder Vernunft.

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