Berlin : Bar Lounge 808: Viel Tresen und Loch-Popo-Hocker

Frank Jansen

Eine Bar ist in Mitte längst mehr als nur Bar. Inzwischen legen Betreiber Wert auf die noble Bezeichnung "Lounge", das Wörtchen "Bar" degeneriert offenbar zu einem Synonym für Popelkram. Aber was ist dann von einem Lokal zu erwarten, das als "Bar Lounge" firmiert? Popeliger Edelkram? Oder etwa ein Etablissement, in dem die Gäste damit rechnen müssen, wie zu Zeiten des wilhelminischen Personennahverkehrs, in Zweiter und Erster Klasser platziert zu werden? Rätselhafte Stadt.

Angesichts der Adresse war auf jeden Fall mit dem Andrang von Touristen zu rechnen, womit der Nobel-Faktor schon vorab ein wenig relativiert zu sein schien. Tatsächlich wird das "808", wie der drinking man es einfach mal nennen will, von einem eher unprätentiösen Publikum frequentiert: Studenten, Night-Clubber in der Aufwärmphase, und eben Touristen, aber ohne die befürchtete Ballermann-Attitüde.

Die zwei Räume - links die Bar, rechts die Lounge, in die aber auch eine Klein-Bar integriert wurde - waren bei den beiden Besuchen von drinking man und compañera relativ gut besucht, ohne überfüllt zu sein. Im Bar-Sektor dominiert der wie ein großes, sanftes "V" geschwungene Tresen mit der Kupfersteinchenmosaik-Auflage, um den herum in gebührendem Abstand postmoderne Küchenstühlchen und -tische angeordnet sind. Wer dann am schmalen Übergang nach "drüben" wechselt, gelangt in einen zum größeren Dreieck sich öffnenden Raum. Diesen dominiert ein Aquarium mit Buntfischchen, im hippen Nachtleben schon fast ebenso unverzichtbar wie der Terminus "Lounge".

In der gegenüberliegenden Ecke ist ein Pult mit zwei Schallplattenspielern installiert. Bei der ersten Visite fabrizierte ein blasser Jüngling, Typ Raumschiff-Orion-Praktikant, das zu erwartende Endlos-Hip-House-Gepucker. Es störte allerdings kaum beim Blick auf das vorbeilaufende Touristenvolk, den die Gäste an milden Sommerabenden im Lounge-Sektor direkt an der frontline geniessen können. Soll heißen: Die großen Scheibentüren waren beiseite geschoben, in blauen Sesseln oder auf Popo-Hockern mit Bagel-Polster (wozu dient hier das Loch?) konnte das drinking couple den Cocktail-Konsum mit der Benotung der auf dem Trottoir defilierenden Hominiden verbinden. Und stellte fest, dass Exzentriker (oft schwules Leder) und Touristen (Birkenstock-Sandalen) etwa gleichstark aufmarschierten. Schön.

Die während der zwei Visiten in den Sektoren "Lounge" und "Bar" genossenen Drinks verdienen insgesamt nur die Bewertung "uneinheitlich". Die compañera konnte sich für Mai Tai und Mojito begeistern, empfand den 808 Julep (Smirnoff Vodka, Champagner, Limejuice, Limettensaft, Minze) trotz der an einem Spieß steckenden drei Cocktailkirschen eher belanglos - und zeigte bei den ersten Schlückchen Bellini eine Mimik rapide einsetzender Enttäuschung: Kein Pfirsichmark, nur Saft. Der drinking man freundete sich mit einem Gin Fizz an und verkraftete den Royal Havana Punch (Havana Club 3 Jahre, Captain Morgan 73 %, Cointreau, Limejuice, Limettensaft, Grenadine, Orangensaft). Beim Sweet Sue (Smirnoff, Zitronensaft, Grenadine, Zucker) war sich das drinking couple gar nicht einig: "Bonbonös" höhnte die compañera und wies ein "geht-doch-soweit" entschieden zurück.

Also: Bar mit Lounge oder etwa genau andersrum? Wo Erste, wann Zweite Klasse? Popeliger Edelkram? Egal. Welche Blounge hat schon so niedliche Loch-Popo-Hocker?

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