Berlin : Barbara Alcer, geb. 1935

Ursula Engel

Geh, wohin dein Herz dich trägt." Mit diesen Worten verabschiedete der Pfarrer Barbara Alcer an ihrem Grab. Den gleichnamigen Roman von Susanna Tamaro hatte die katholische Deutschlehrerin noch kurz vor ihrem Tod in Literaturzirkeln vorgestellt. "Ein Buch", sagt ihr Mann Gerhard Alcer, "das ihr viel bedeutet hat." Lange bevor es geschrieben wurde, versuchte Barbara Alcer sich schon von ihrem Herzen leiten zu lassen. Auch deshalb lebte sie in Ost-Berlin.

Als Tochter von Georg Januszewski, einem einflussreichen Berliner Großhändler, wuchs sie in Prenzlauer Berg auf. Die Eltern praktizierten ihren katholischen Glauben so, dass er auch die Kinder stark prägte: Ein Bruder wurde Pfarrer, und Barbara engagierte sich in der Herz-Jesu-Gemeide in der Fehrbelliner Straße. Dort lernte sie den Kaplan der Pfarrei, den späteren Kardinal Bengsch kennen. Nachdem sie auf der katholischen Theresienschule ihr Abitur gemacht hatte, begann sie ein Studium an der Freien Universität, Barbara Alcer wollte Deutsch und Geschichtslehrerin werden. Ende der 50er Jahre passierte sie so täglich die Sektorengrenze von Ost nach West. 1961, kurz vor dem Ende ihrer Referendarzeit wurde die Mauer gebaut. Doch ihr Herz, ihre Familie und der zukünftiger Ehemann Gerhard Alcer, waren in Ost-Berlin. Barbara Alcer verzichtete auf den Abschluss und kehrte gerade noch rechtzeitig in den Ostteil der Stadt zurück.

Eine Lehrerin am bischöflichen Vorseminar in Schöneiche hingegen kam von einem Besuch im Westen nicht zurück: Ein Glücksfall für Barbara Alcer: Der Bischof, der die freigewordene Lehrerstelle neu zu besetzen hatte, war der ehemalige Kaplan Bengsch aus der Fehrbelliner Straße. Er erinnerte sich an Barbara Alcer. Sie übernahm die Stelle, wurde Deutsch- und Geschichtslehrerin in Schöneiche. Hier wurden junge katholische Männer auf das Priesterseminar in Erfurt vorbereitet. Als einzige Frau gehörte Barbara Alcer fast 30 Jahre zu den Lehrenden an dieser Schule. Und nicht nur das: Ging es nach Abschluss des Vorseminars darum, welcher der Männer nun tatsächlich zum Priesterstudium geeignet sei, wurde Barbara Alcers Meinung gehört. Viele Schüler, besprachen mit der Lehrerin ihre Entscheidung. Dabei kam es durchaus vor, dass sie jemandem von dem Beruf abriet. Es musste eine Herzensentscheidung sein.

Unter dem Schutz der Kirche und einzelner Geistlicher boten die katholischen Zirkel Freiräume, die über das in der DDR übliche Maß hinausgingen. Oft war es aber auch die Inititative einzelner, die Handlungsmöglichkeiten eröffneten. Da gab es beispielsweise Barbara Alcers ehemalige Studienkollegin, die als Redakteurin bei einem großen westdeutschen Schulbuchverlag arbeitete. "Regelmäßig besuchte sie uns. In der Einkaufstasche lagen dann unten die neuesten Schulbücher und Lehrermaterialien, oben lag der Kaffee", erzählt Gerhard Alcer, "so konnte meine Frau immer nach den neuesten westlichen Lehrplänen unterrichten."

Zu ihrer Arbeit in Schöneiche kamen im Laufe der Jahre weitere Lehraufträge hinzu. Barbara Alcer unterrichtete bald auch Erzieherinnen und Krankenpflegerinnen, machte Fortbildungen und arbeitete selbst in der Weiterbildung an katholischen Institutionen in Weißensee und in Prenzlauer Berg. Für viele ihrer Schüler und Schülerinnen war Barbara Alcers Unterricht eine ganz neue Erfahrung. "In der ersten Woche guckten die sie immer an und fragten sich: Was will die hören? Aber Bärbel wollte, dass sie sich eine eigene Meinung bilden.Viele haben das erst bei ihr gelernt." Immer wieder gelang es der Lehrerin mit Geduld und Engagement den Funken überspringen zu lassen. Bei ihr wurden die neuesten deutschsprachigenen Literaten besprochen. Diskussionen entzündeten sich, und wurden oft auch außerhalb der Schulstunden weitergeführt. "Unser Haus in Köpenick war ein Treffpunkt", sagt Gerhard Alcer. Schüler, Kollegen, Freunde und Verwandte trafen sich dort. Daran änderte auch Barbara Alcers Krankheit nichts.

Mitte der achtziger Jahre diagnostizierten die Ärzte Krebs. Barbara Alcer wurde operiert. Es folgten die üblichen Chemotherapien. Die Germanistin wurde wieder gesund. Das war 1991, und das Angebot der neugegründeten Katholischen Fachhochschule kam gerade zur rechten Zeit. Als leidenschaftliche Literaturwissenschaftlerin widmete sie sich nun auch der Bibliothek. Barbara Alcers Spuren finden sich hier. Die Köpenickerin sorgte dafür, dass man die Bereiche Neuere Deutsche Literatur und Kinderliteratur auf den neuesten Stand brachte.

Gleichzeitig gelang es ihr, Mittlerin zu sein zwischen Ost und West. Sie engagierte sich im Heliandbund, einem Zusammenschluss der katholischen Akademikerinnen. Gemeinsam mit der West-Berlinerin Ruth Nickel verfasste sie die Rundbriefe der katholischen Heliand-Frauen in Berlin. Barbara Alcer, die in West-Berlin studiert und in Ost-Berlin gelebt hatte, war unvoreingenommen. Sie hatte einen sehr klaren Blick auf die tatsächlichen Lebensverhältnisse, kannte aber auch die jeweiligen Vorbehalte. "Sie war nicht besserwisserisch und legte nicht jedes Wort auf die Goldwaage", sagt ihre Heliand-Kollegin Barbara Kleineidamm. So gelang es Barbar Alcer immer wieder zu vermitteln, Ostlern zu sagen, was die Westler meinen, und umgekehrt.

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