Berlin : Barbara Tischendorf (Geb. 1959)

Das Leben: ein Garten mit Zaun, damit nicht jeder darin herumtrampeln kann

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Cornelia W. kann sich noch gut an ihre erste Begegnung mit Barbara Tischendorf erinnern. Es war ihr erster Arbeitstag als Sekretärin der Berliner Stadtmission, noch war sie fremd und ein wenig unsicher. Umso dankbarer war sie für die herzliche Begrüßung der Frau, die ihr auf dem Gang entgegenkam und sich als Buchhalterin vorstellte. Sie war eine auffällige Erscheinung: sehr groß, sehr korpulent, maskuline Gesichtszüge, gerahmt von langen, blonden Locken.

Im Lauf der Jahre entspann sich zwischen den beiden Frauen eine mehr als kollegiale Freundschaft. So unterschiedlich sie waren, zart und nachdenklich die eine, kräftig und zupackend die andere, so gut ergänzten sie sich.

Kam Barbara Tischendorf die Freundin besuchen, überreichte sie zuerst einen selbst gebackenen Kuchen und setzte dann ihren großen Rucksack ab, der sie überall begleitete.

Darin befanden sich eine 1,5-Liter Flasche Wasser, ein oder zwei Bücher, Romane, Biografien oder christliche Literatur, ein Regenschirm, Proviant. An einem besonders heißen Tag zog Barbara Tischendorf einen Tischventilator aus den Tiefen des Rucksacks.

Gut versorgt saßen die beiden Frauen zusammen und plauderten über das Leben. Cornelia W. erzählte dann beispielsweise von Sorgen mit der Tochter. Barbara Tischendorf, für die die Liebe zu einem Mann und eigene Kinder zeit ihres Lebens nie erfüllte Sehnsüchte blieben, hörte aufmerksam zu und gab hilfreiche Ratschläge.

Geeint fühlten die Freundinnen sich in ihrem Glauben. Oft unterhielten sie sich über den Begriff der Gnade, auf die sie beide hofften, an die sie beide glaubten. Gnade, das war für sie ein Gott, der den Wert eines Menschen nicht an Leistungen knüpft. Ein anti-calvinistischer Gott und einer, der anders war als Barbara Tischendorfs Vater, ein Steuerberater.

Viel erzählte sie nicht von ihrer Jugend, die sie mit drei Brüdern in einem kleinen Dorf in Süddeutschland verlebt hatte. Hart und streng ging es zu; ihre Erinnerungen an diese Zeit bezeichnete sie mal als „schwarze Kiste“, die sie nur zentimeterweise zu öffnen wage.

Die Hinwendung zum Christentum, dem sie während ihres Wirtschaftsstudiums in Freiburg begegnete, war ein Akt der Rebellion gegen den geringschätzigen Erziehungsstil des Vaters. Wütend war der über diese neue Familie der Tochter, die sich „Campus für Christus“ nannte, wütend, dass Barbara nach Berlin zog, wo sie zunächst bei dem leitenden Ehepaar dieser Gemeinschaft Unterschlupf fand. Hier startete sie in ein neues Leben, das sich hauptsächlich im Büro der Stadtmission und im Gemeindeleben einer freien Kirche in Tempelhof abspielte. Das war ihr Zuhause, dorthin brachte sie ihre Kuchen, ihre Kekse, ihre selbst gemachten Spätzle und Maultaschen – und all ihre Liebe.

Zu sich selbst lud sie nur selten. Zentrale Möbelstücke ihrer kleinen Wohnung in Tempelhof waren ein durchgelegenes Sofa und eine Orgel. Beinahe täglich versenkte Barbara Tischendorf ihre Kopfhörer in ihren Locken, übte Kirchenlieder für die Begleitung der Gottesdienste und zu ihrem eigenen Vergnügen Stücke von Bach.

Einfühlsam und ruhig, so hat Cornelia W. sie erlebt. Und staunte, als die Freundin ihr erzählte, wie wütend sie manchmal wurde, wie ungehemmt sie ihrem Ärger Luft machte, wenn ihr jemand mit Machtspielen zuzusetzen versuchte. Einmal hielt Barbara Tischendorf in ihrer Gemeinde einen Vortrag zum Thema „Grenzen“. Auf den Tischchen der Zuhörer hatte sie selbst gebastelte Gartenzäune aus Streichhölzern aufgestellt. Man müsse sein Leben als einen Garten betrachten, erzählte sie dann, einen Garten, den man umzäunt, damit nicht jeder darin herumtrampeln kann.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit dem Wissen um einen Gehirntumor. Nach und nach schwand, was ihr das Leben versüßt hatte: die Stimme, der Geschmackssinn, der Gleichgewichtssinn. Sie konnte nicht mehr singen, hatte keinen Genuss mehr an ihrer Kochkunst und Angst zu stürzen, wenn sie sich ihren Rucksack aufsetzte, um ihre Wege zu machen. „Doch“, sagt Cornelia W., „sie hat gezweifelt. Manchmal fragte sie: Warum? Warum wird mir alles genommen?“ Um dann im nächsten Telefonat von dem Gesang einer Nachtigall im Gebüsch vor ihrem Haus zu schwärmen. Froh war sie, dass sie nicht allein zu den Bestrahlungen musste, dass sich immer jemand fand, der sie begleitete.

Sie starb so, wie sie es sich gewünscht hatte: plötzlich und schmerzfrei. Anne Jelena Schulte

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