Barbies Traumhaus eröffnet am Alex : Berlins Puppen

Barbie hat ihr Haus am Alex bezogen, viele ärgern sich über die pinke Traumwelt. Dabei haben es Puppen immer gut gehabt in Berlin.

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Der Riesen-Stöckelschuh weist den Weg ins Barbiehaus, das am Donnerstag eröffnet. Beinahe ebenso künstlich wirkt das Nikolaiviertel, mit dessen Wiederaufbau Ost-Berlin die Sehnsucht nach einer historischen Altstadt befriedigen wollte.
Der Riesen-Stöckelschuh weist den Weg ins Barbiehaus, das am Donnerstag eröffnet. Beinahe ebenso künstlich wirkt das...Foto: DAVIDS

Ist denn Barbie wirklich noch populär? In Berlin? Und hat deshalb „Barbie’s Dreamhouse“ Aussicht auf Erfolg, jene nicht wirklich dringend erwartete Einrichtung, die morgen am Alexanderplatz eröffnet? Immerhin läuft das TV-Format unserer einheimischen Oberbarbie Heidi Klum ohne Unterlass. Aber man wird sich andererseits fragen dürfen, ob eine vollbusige Plastikpuppe mit klimpernden Augenlidern und 50er-Jahre-Weltbild in eine Stadt passt, deren geistige Eliten so durchgegendert sind, dass sie Männer ebenso wie Frauen nur noch für ein soziales Konstrukt halten.

Die „Linksjugend Kreuzkölln“ macht folglich schon mobil gegen das „Symbol für frauenfeindliche Klischees und Rollenbilder und die Reduzierung auf Körper und Schönheit“. Auch die Berliner Grünen kritisierten am Dienstag „die einseitige Rollenzuschreibung an Mädchen, die über ein solches Angebot transportiert wird“.

Schluss jetzt mit dem Skeptizismus! Puppen haben es immer gut gehabt in Berlin, zumal auf der sprachlichen Ebene. „Denkste, Puppe!“, pflegte der Berliner zu sagen, wenn er sich oder seinem Gegenüber (keineswegs unbedingt weiblich) kategorisch mitteilen wollte, dass dies oder jenes auf gar keinen Fall in Betracht komme. Wer glaubt, diese Redewendung sei von gestern, der muss nur einen Blick ins Internet werfen, wo sie beispielsweise im Hertha-BSC-Forum aktuell auftaucht, als sei sie nie weg gewesenen. Außerberlinische Sprachen haben so was Schönes auch gar nicht. „No way, José!“ – das geht vielleicht grad noch so.

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Barbies "wahre" Welt

Überhaupt, die Puppe. Man muss nicht allzu genau analysieren, um dem Begriff, sofern er für eine lebende Frau benutzt wird, die Geringschätzung anzuhören. Der historische Berliner liebt es unverkünstelt, und man darf vermuten, dass sich hier die abfällig gemeinte Kritik einer allzu künstlichen Aufmachung spiegelt, wie sie im Tingeltangel des beginnenden 20. Jahrhunderts vorkam, aber auch in der aus Amerika überschwappenden Petticoat-Welt der Nachkriegszeit, der ja auch die Original-Barbie ihre Entstehung verdankt. „Hey, Puppe“, das ist der Ganoven-Slang der Zwanziger, aber auch ein bisschen die kalkulierte Verworfenheit der Peter-Kraus-Filme mit ihren Backfischen und halbstarken Verehrern – heute definitiv unbrauchbar für jede Art von Kontaktaufnahme außerhalb der allertiefsten Provinz

Barbie - Ein pinkes Traumhaus auf dem Alexanderplatz
Die dreijährige Selina kam mit ihrer Mama Doreen zum Barbie-Haus am Alexanderplatz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 31Foto: Kitty Kleist-Heinrich
17.05.2013 15:17Die dreijährige Selina kam mit ihrer Mama Doreen zum Barbie-Haus am Alexanderplatz.

Unweigerlich führt uns der Blick auf die Puppen in der Berliner Sprache zurück bis, nun ja, eben in die Puppen: ganz weit weg. „Bis in die Puppen“ ist eine Berliner Redewendung, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufkam, aber auch heute noch verwendet wird, und das weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Die Herkunft ist präzise geklärt, die sprichwörtlichen Puppen gab es wirklich: Es waren Standbilder aus der antiken Götterwelt von Knobelsdorff, die Friedrich der Große zur Zierde des „Großen Sterns“ im Tiergarten aufstellen ließ. Das war damals noch sehr weit draußen, eben „bis in die Puppen“. Im Laufe der Zeit nahm die Wendung dann auch eine zeitliche Bedeutung an: bis weit in die Nacht hinein.

Noch ist nicht bekannt, in welchem Biotop sich die globale Puppe Barbie in Berlin zeigen wird. Aber sicher ist, dass ihr Domizil neben der klotzigen Bausünde namens Alexa ziemlich bescheiden aussehen wird, eben wie ein Puppenhaus. Das immerhin könnte eine alte Berliner Befindlichkeit treffen – die Sehnsucht nach kleinen, gemütlichen Häuschen, die es in einer Metropole ohne Altstadt praktisch nicht mehr gibt. Ost-Berlin hat sich seinerzeit den Wunsch nach einer solchen Idylle durch den Wiederaufbau des Nikolaiviertels erfüllt, das nun allerdings als grobplattige Beton-Imitation ebenso künstlich wirkt wie die Neuberlinerin Barbie. Die sieht auch dann nach Ganzplastik aus, wenn sie in ihrer zeitgemäßen Verkleidung als Astronautin oder Chirurgin auftritt. Immerhin: Die Verschiebung der Eröffnung um fast zwei Monate wurde mit „ungeplanten Schwierigkeiten beim Transport wichtiger Bauteile“ begründet. Da kommt also doch was auf uns zu.

„Barbie The Dreamhouse Experience“, 16. Mai bis 28. August täglich ab 10 Uhr. Voltairestr. 2a, Mitte (am Alexanderplatz). Eintritt: 15, ermäßigt 12 Euro.

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