Berlin : Bares aus Baumwolle

Annette Kögel

Der blaue Schein ist echt, kein Zweifel. Auf der Vorderseite sind die Ziffern "100" und das Antlitz eines Mannes mit wallendem Haar zu sehen, auf der Rückseite brechen Meereswellen am Felsen. Ärgerlich nur, dass auf der Note aus der Kasse des KaDeWe die Worte "Sada Krooni" und "Eesti Pank" zu lesen sind: Ein Hunderter aus Estland. Der Gegenwert: 1,93 Mark. So ein Schein kann schon mal verwechselt werden, wenn Kassiererinnen im Stress sind. Damit sie sich nach der Einführung der neuen Währung im kommenden Jahr nicht hinters Licht führen lassen, bietet das City-Kaufhaus jetzt eine Euro-Schulung für die 2400 Mitarbeiter.

Zum Thema Online Spezial:
Der Euro kommt - Infos zur Währungsumstellung "Die Münzen sind abgezählt, bitte geben Sie sie komplett wieder zurück", redet Schulungsleiterin Hannelore-Maria Strahlendorf den 17 Auszubildenden ins Gewissen. Und lächelt. Das Geld hat das Kaufhaus von der Landeszentralbank und der Hauptverwaltung des KaDeWe in Essen geliehen. Die Scheine sind ordentlich auf Pappen getackert. Auch Servet Avci, Einzelhandelskaufmann im ersten Lehrjahr, lässt die Währung aus Baumwollfasern durch die Finger gleiten: "Dann wollen wir mal sehen." Hinter ihm ist Jennifer Sebel ganz begeistert. "Das kann man so richtig schön fühlen, diese erhabenen Ziffern und Buchstaben auf dem Schein."

Schließlich sind die 14 Milliarden Euro-Scheine für die zwölf Länder der Währungsunion so gefertigt, dass auch Sehbehinderte das neue Geld im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, sagt Frau Strahlendorf. Dann folgt ein blütenreiner Crashkursus für die 17 KaDeWe-Auszubildenden in Sachen Europa-Währung. Film ab: Ein Infostreifen der Landeszentralbank.

"Fühlen, Sehen, Kippen, Prüfen" - das sind die vier Schlüsselworte für Kunde und Kassierer. Der Euro sollte sich "weder lappig noch glatt" anfühlen, das Wasserzeichen nur gegen das Licht zu sehen sein. Der Schein darf nicht wie ein BH im Disko-Schwarzlicht unterm UV-Licht-Kontrollgerät an der Kasse hellweiß erstrahlen. Dafür aber müssen Ziffern schillern wie ein Regenbogen, der Sicherheitsfaden den Schein verdunkeln, das Spezialfolienelement räumlich wie ein Hologramm wirken, der Perlglanzstreifen golden glänzen. Ob die angehenden Kassenkräfte da an einem langen Sonnabend mit vollem Haus noch durchblicken?

"Ich werde mein Bestmöglichstes tun", gelobt Jennifer Sebel, 16, die wie die anderen Lehrlinge im ersten Lehrjahr noch Kassen-Schonfrist bis September hat. Bis dahin will auch die 23-jährige Claudia Mozzillo "zu Hause mit dem neuen Geld ein bisschen üben", damit sie dem Kunden gegenüber souverän auftreten kann. "Man muss doch erst das Gefühl dafür bekommen." Ob sie später an der Kasse die komplette Sicherheitscheckliste durchgehen wird? "Das muss ja dann so schnell gehen, da werde ich wohl nicht alle Punkte schaffen." Am 2. Januar wird es für alle ernst. Hannelore-Maria Strahlendorf: "Dann legt einer in der Hauptverwaltung in Essen den Schalter um, und unsere Kassen schalten von D-Mark auf Euro". Die Mitarbeiterinnen geben die DM-Summe ein, der Computer zeigt den Euro-Wechselgeldbetrag an. Durchs Berliner Vorzeige-Kaufhaus werden "Sandwichmännchen" laufen, Hostessen im Euro-Dunkelblau, die den Kunden helfen. Wie werden die Mitarbeiter mit den zunächst zwei parallelen Kassen zurechtkommen? Ein Trost: Normalerweise zahlt fast drei Viertel der Kundschaft mit Karte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben