Berlin : Baruch Teitler (Geb. 1947)

„Zwei Dinge, die ich nie hatte: Geld und Angst.“ Und ein Drittes: Ausgeglichenheit

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Warum passiert alles so, wie es passiert?“ Wer glaubt, das sei eine einfache Frage, die Baruch Teitler da stellt, der irrt. Baruchs Leben ist der beste Beweis. Er kam zur Welt in einem Lager für Displaced Persons, in Ulm unter der Obhut der Amerikaner. Seine Mutter stammte aus Czernowitz, ihre Familie war vertrieben worden, sie selbst und die Großmutter wurden in ein Arbeitslager verschleppt. Drei Jahre lang versteckte sich die Mutter Nacht für Nacht in einer Kiste, weil sie fürchtete, von den Wachsoldaten vergewaltigt zu werden. Der Vater war Partisan, seine gesamte Familie wurde verbrannt. Das verzieh er sich und der Welt nie. Unsteter Geist, der er fortan war, ließ er seine Frau und den Sohn immer wieder allein, stets war er in Geschäften unterwegs.

Die Mutter kochte, weinte und wartete. Baruch wurde früh ihr Beschützer. Frauen verstand er immer viel besser als Männer, einfühlsam war er, feinfühlig. Und allein auf sich gestellt. Kein Spielzeug, im Wohnzimmer der kleinen Wohnung in Berlin kein Bild. Die Mutter ließ sich scheiden und zog mit Baruch zu ihrer Familie nach New York. Wie will man als kleiner Junge in einer so großen Stadt glücklich werden? Er steckte sich zehn Dollar in die Tasche und machte sich auf den Weg ins gelobte Land, im Kino an der Ecke schlief er ein. Ein Onkel wollte ihn nach Los Angeles holen, aber die Mutter fühlte sich nicht heimisch als Lagerüberlebende in God’s own country. Zudem hatte sie ihr Bruder in Israel unterdessen mit einem Mann verkuppelt, der die Frau wollte, aber nicht den Sohn.

Baruch kam in einen Kibbuz. Israel war sein Land, seine Hoffnung, aber den deutschen Pass, den gab er auf den Rat des Vaters nicht ab. Der hatte in Düsseldorf ein Restaurant aufgemacht, in dem Baruch später auch Arbeit fand. Eigentlich hatte er ja Pilot werden wollen, aber ein Herzfehler zwang ihn, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

Baruch heiratete, bekam eine Tochter, die er sehr liebte, aber er blieb ein Getriebener. Als der Vater starb, zog er los in die Welt. Er hatte nicht viel im Gepäck, nur die zwei Dinge, die ihn sein Vater Jossele gelehrt hatte: „Werd kein Hallodri und hab immer Respekt vor den Frauen. Ach ja, und ein Drittes noch: Niemals Angst haben! Wenn du geschlagen wirst, schlag zurück.“ Aber das musste er gar nicht. Sein Lächeln gewann ihm alle Herzen im Flug. Wo er auch hinkam, fühlte er sich wohl, sofern die Sonne schien. Tel Aviv war seine Stadt! Er eröffnete ein Restaurant dort, das zum Treff der Prominenz aus aller Welt wurde. „Ich bin ein Magnet“, konstatierte er, wenn wieder einmal ein Filmstar mit ihm für ein Foto posierte. Er konnte gut mit den Menschen, mit jedem. Abends am Tisch, wenn die Gäste gegangen waren, saßen alle Angestellten zusammen, Juden und Palästinenser. Traditionsbewusst war er, ja, aber kein Fanatiker. Bei seiner Bar Mizwa hatte er seinen ganz persönlichen Vertrag mit Gott geschlossen. Der Gang in die Synagoge half ihm, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Ein ganz klein wenig.

Aber auch in Tel Aviv konnte er nicht ewig bleiben. Es zog ihn zurück nach Berlin. Doch das war zu viel für sein Herz. Er wurde schwer krank. Und kam wieder auf die Beine. Er überlebte einen Gehirntumor. Und einen Flugzeugabsturz. Dagegen war das Unterfangen, ein koscheres Lokal zu eröffnen, ein Klacks. Das Café „Let’s keep kosher“ in der Knesebeckstraße wurde zum Treffpunkt vieler, die mit ihm über Gott und die Welt plaudern wollten. Es gab den Freitagszopf, selbst gemachte Bagels, Quarktaschen, Topfenstrudel – die Diaspora lässt sich ja auch als Kochbuch schreiben. Und alle waren willkommen. „Der letzte Penner, wenn er sich zu benehmen weiß, bekommt meinen Respekt. Niemals darfst du Richter spielen. Die Menschen sind so, wie sie sind.“ Das hinderte ihn nicht, zuweilen auch mal aufbrausend zu sein, wenn sich die Menschen nicht so benahmen, wie es sich für ordentliche Gäste gehörte. Aber das war selten.

Er verstand es, sein Gegenüber immer in ein gutes Gespräch zu ziehen. Was er nicht so gut verstand, waren Bilanzen. „Zwei Dinge, die ich nie hatte: Geld und Angst.“ Nun ja, und ein Drittes: Ausgeglichenheit. „Ich war meschugge, ich war unruhig, jüdische Krankheit.“

Es wurde besser, als er seine große Liebe traf. Ihr versprach er: „Irgendwann einmal, wenn ich zur Ruhe komme, schreibe ich das Buch über mein Leben.“ Sie hatte auch schon einen passenden Titel: „Ein Leben wie Wind und Sturm“. Er hat nur die erste Seite geschafft.

Das Abschiednehmen fiel ihm nicht leicht. Er war krank, aber nie der Kranke. Er war ja ein Schabbeskind, ein Glückskind, einfach ein Kind, im Schmerz wie in der Liebe. „Du bist doch mein Kind und ich bin dein Kind.“ Das war die schönste Liebeserklärung an seine Gefährtin.

Je mächtiger die Krankheit wurde, desto mehr Licht brauchte er um sich herum. Also bestellte er sich im Internet die großen Meister der Illumination: Macke, Chagall, Kandinsky. Er hat für sich eine Galerie erschaffen: Van Gogh hing da neben Franz Marc. Natürlich keine Originale, aber auch die Kopien brachten Sonne und Wärme. Er war ja selbst ein Sonnyboy, einer, der Licht ins Leben der anderen brachte, Licht, das er den Schatten der Vergangenheit abgerungen hatte.

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