Basteln in Berlin : Gestalte dir die Welt, wie sie dir gefällt

Verzierte Fahrräder und spezielle Ernteschürzen: In Berlin hat sich eine Bastelszene gegründet, die regelmäßig klebt, schraubt, schneidert und zum Mitmachen einlädt.

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In den Prinzessinengärten in Kreuzberg wird gebaut: Ein paar alte Paletten, Weidenzweige, Schrauben, eine Haushaltskordel und Klarsichtfolie - mehr braucht man nicht für das Tomatenhäuschen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
05.10.2011 11:49In den Prinzessinengärten in Kreuzberg wird gebaut: Ein paar alte Paletten, Weidenzweige, Schrauben, eine Haushaltskordel und...

Ein paar alte Paletten, Weidenzweige, Schrauben, eine Haushaltskordel und Klarsichtfolie – mehr braucht es nicht, um ein Tomatenhäuschen zu bauen. Was man ausgerechnet am Ende eines eher misslungenen Sommers mit einem solchen Unterstand soll, weiß keiner derjenigen, die sich an diesem Montagabend in den Prinzessinnengärten in Kreuzberg von Gärtner Robert Shaw erklären lassen, wie man Zweige in die Paletten dreht und sie dann mithilfe von Kordeln so weit nach vorne biegt, dass eine große Tomatenpflanze oder gar ein Mensch darunter Platz finden. Etwa 20 Bastelwillige sind gekommen, um ein paar Stunden gemeinsam zu bohren, zu nähen und zu drucken. Jeden Montag organisiert die Onlineplattform Etsy, auf der jeder selbst gemachte Sachen anbieten kann, einen dieser kostenfreien Workshops.

In einem aus Sperrholzplatten gezimmerten Unterstand hat sich Monika Offermann gerade aus einer Kellner- eine Gärtnerschürze genäht. Vorne umschlagen, ein paar senkrechte Nähte gesetzt, schon kann sie in der Schürze Gartenwerkzeug unterbringen und damit Obst ernten. Monika Offermann ist nicht hier, weil sie eine Schürze oder ein Tomatenhäuschen braucht, sondern weil sie gern bastelt. Nur nicht zu Hause. „Dann liegt alles rum. Hier bekommt man alles erklärt und kann etwas mitnehmen.“

In der Kreuzberger Ritterstraße sitzt die Europazentrale von Etsy, die Firma wurde 2005 in New York gegründet und machte im vorigen Jahr nach eigenen Angaben einen Umsatz von 600 Millionen Euro. Die Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, sei ihnen leichtgefallen, sagt Europachef Matthew Stinchcomb „Berlin bringt Leute zusammen, die kreativ sind.“

Das merken sie auch an den Kursen, wenn in ihrem Hof wildfremde Leute zusammensitzen und Stricken lernen. „Hier haben die Menschen Zeit für so etwas“, sagt Stinchcomb. Selbermachen bedeute nicht, dass es dilettantisch aussehen muss. Viele Anbieter aus Berlin sind ausgebildete Grafik-Produktdesigner, aber auch die Hausfrau gibt es, die ihre handgenähten Teddybären verkauft. Im vergangenen Jahr haben sich 600 Berliner bei Etsy mit ihren Produkten angemeldet.

Auch Maria Ziemann findet, dass es in Berlin jede Menge tolle Bastler gibt. Einmal im Monat lädt sie mit Oryanne Dufour zum „Voodoo Market“ ein. Hier werden Steckdosen mit Betonumhüllung, bedruckte Geschirrhandtücher und Törtchen angeboten. Und natürlich können alle etwas basteln: zum Beispiel ihr Fahrrad mit buntem Klebeband verzieren. Inzwischen haben sie so viele Anmeldungen, dass sie genau auswählen müssen.

Matthew Stinchcomb glaubt, dass hinter dem Selbermachen mehr steckt, als nur ein profanes Hobby: „Es ist eine politische Bewegung gegen austauschbare Massenprodukte.“

Der nächste Voodoo Market findet am 22. Oktober im Chez Jacki an der Schillingbrücke statt, Eintritt: 1 Euro.

Ab Oktober finden jeden Montagabend Bastelworkshops statt.

Bei Stoffemeyer gibt es regelmäßig Nähkurse (kostenpflichtig), aber auch immer wieder besondere Nähpartys.

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