• Bauarbeiten in Berlins historischer Mitte: Unter den Linden: Boulevard der Bretterzäune

Bauarbeiten in Berlins historischer Mitte : Unter den Linden: Boulevard der Bretterzäune

Gerüste am Pariser Platz, Rohre an der Schlossbrücke, Gruben allerorten: Zwischen Brandenburger Tor und Alex wird heftig gewerkelt Die prominente Meile ist nicht mehr wiederzuerkennen.

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Ohne die Linden. 54 der Bäume fielen, ohne dass sich ein Aktivist darangekettet hätte. „In Stuttgart undenkbar“, sagen Touristen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Rückeis
18.06.2012 14:32Ohne die Linden. 54 der Bäume fielen, ohne dass sich ein Aktivist darangekettet hätte. „In Stuttgart undenkbar“, sagen Touristen.

Im Gleichschritt schlendern zwei Männer mit kurzen, an den Hüften kneifenden Shorts Unter den Linden zur Schautafel, die Geschichtliches über Berlins berühmtesten Boulevard festhält. „Holy Shit!“ entfährt es einem und er zieht den runden, kahlen Kopf ein, weil eine Böe den Staub vom gerodeten Mittelstreifen aufwirbelt. Weiter unten, an der Kommandantur, lugt ein Rentner – schlohweißes Haar, schwarze, vorm Bauch baumelnde Kamera – in die Zufahrt zur BVG-Baustelle. Seine Frau zerrt ihn zurück. „Vom Bodensee“ kommen sie her. „Dass hier eine U-Bahn gebaut wird, die keiner braucht“, wissen sie seit der Busrundfahrt. Auch dass dafür 54 Linden fielen, ohne dass sich Protest erhob – „undenkbar in Stuttgart“, sagt er süffisant.

Ein Gerüst vorm Allianz-Forum am Pariser Platz, drei Sandhügel am Zollernhof, wild rankende Rohre an der Schlossbrücke, Gruben auf Gehwegen und Mittelstreifen rund um die Friedrichstraße, Baustellenzäune vor der Staatsoper, eine Containerstadt neben der Staatsbibliothek – und immer wieder Bauzäune jeglicher Größe, Farbe und Beschaffenheit. Wer Berlins erste Adresse im Jahr 775 nach der Stadtgründung besichtigt, wird auf der Suche nach dem Glanz vergangener Zeiten Unter den Linden allenfalls in der Buchhandlung „Berlin Story“ fündig: auf historischen Fotos von Bucheinbänden. Anno 2012 muss die Geschichte der Linden neu geschrieben werden: Als Chronik ewiger Baustellen, chaotischer Planungen und geplatzter Baubudgets. Und der Höhepunkt dieses epochalen Durcheinanders steht der Stadt noch bevor. Denn während der Bauarbeiten für die „Kanzlerlinie“ wird es zeitweilig eng für Fußgänger. Autofahrer müssen sich ab Juli auf die „Vollsperrung der Südfahrbahn“ einrichten, werden wohl mal links, mal rechts vom Mittelstreifen im Slalom über den barocken Prachtboulevard gelotst. Auch die Kreuzung Friedrichstraße wird gesperrt. „So etwas hatten wir noch nie hier“, sagt Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU).

Der Kahlschlag auf dem Boulevard in Bildern:

Kahlschlag Unter den Linden
13.02.2012: Am Montag wurden Unter den Linden 54 Bäume gefällt. Und es kommt noch heftiger: Für den Bau der U-Bahnlinie 5 wird der traditionsreiche Boulevard, der für seine Linden bekannt ist, zur Kraterlandschaft.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Kai-Uwe Heinrich
13.02.2012 19:1113.02.2012: Am Montag wurden Unter den Linden 54 Bäume gefällt. Und es kommt noch heftiger: Für den Bau der U-Bahnlinie 5 wird der...

Die Vorarbeit für den Doppelbahnhof der U-Bahn-Linien 6 und 5 ist nur eine der vielen Baustellen Unter den Linden. Und wenn man den Verlauf der Arbeiten mit einer Operninszenierung vergleicht, dann wird zurzeit erst die Ouvertüre gespielt. Die zweite U-Bahn-Grube, die hinter dem blickdichten Bauzaun vor der Kommandantur ausgehoben wird, die 150 Meter lange Baustelle zwischen Glinka- und Neustädtischer Kirchstraße, wo die Wasserbetriebe Rohre erneuern – Motto: „Damit’s klar bleibt“ –, das alles ist nur das Vorspiel für den großen Auftritt der Bagger und Tieflader am Schlossplatz zur Rekonstruktion des Schlüterbaus und zum Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmal. Das große Finale mit Staub, Lärm und donnernden Baumaschinen wird erst noch gegeben, drei Jahre lang, zwischen 2015 und 2018.

Der Glanz vergangener Zeiten - Berlins historische Mitte im Wandel:

Historische Stadtmitte
Berlin, Molkenmarkt Postkarte um 1900Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: pa/akg-images
15.11.2010 08:52Eine Postkarte um 1900 zeigt den Molkenmarkt in Berlin, die Spandauer Straße und das Rote Rathaus im Hintergrund. -

Ende 2015, das ist auch der neueste Termin für die Übergabe der Staatsoper Unter den Linden, falls das Wort von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher aus der vergangenen Woche das letzte dazu sein sollte. Sicher ist das nicht. In der Chronik der Berliner Bau- und Planungspannen kommt die Opernsanierung kurz nach dem GAU am Großflughafen. Der Einzug von Tenören, Orchestern und Verwaltung ist nun zum zweiten Mal verschoben. Dafür sei das Budget „momentan“, so Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, noch eingehalten. Allerdings könnten Baufirmen wegen der Verzögerung „Nachforderungen“ stellen, warnen Experten. Auch der Bezirk Mitte hält die Hand auf für den öffentlichen Raum, den die Baukolonnen besetzen. Rund 170 000 Euro „Sondernutzungsentgelte“ will der Leiter von Mittes Tiefbauamt Harald Büttner vom Land, das die Staatsoper saniert. Der Senat habe sich gewehrt gegen diese Forderung, die Schlichtungsstelle aber zugunsten des Bezirks entschieden.

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