Berlin : Bauarbeiter spielen die Hauptrolle

Das Haus der Berliner Festspiele wird derzeit renoviert – zum ersten Mal in der Geschichte der früheren Freien Volksbühne

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Beim Blick in den Abgrund rutscht das Herz ein Stück nach unten, durch die Beine geht ein unangenehmes Ziehen. 18 Meter liegen zwischen den eigenen Füßen und der Bühne. Jetzt bloß nicht den Stift fallen lassen! Wenn der vom Schnürboden in die Tiefe rast, wird er zum Wurfgeschoss und trifft womöglich einen der Arbeiter, die unten gerade einen neuen Bühnenboden einziehen.

Das ganze Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf, das 1963 unter dem Namen „Freie Volksbühne“ eröffnet worden war, ist eine einzige Baustelle. Es ist die erste größere Sanierung in der Geschichte des Gebäudes überhaupt. Andreas Weidmann, technischer Leiter der Festspiele, erklärt, warum die Generalüberholung nötig ist: „Ein Festivalbetrieb hat andere Anforderungen als ein reiner Sprechtheaterbetrieb, für den das Haus ursprünglich erbaut worden war.“ Seit 2000 mietet der Bund das Theater und überlässt es den Festspielen zur Nutzung. Diese veranstalten hier unterschiedliche Programmreihen wie Theatertreffen, Spielzeiteuropa oder Maerzmusik. „Manche Programme sind mit 1000 Besuchern ausverkauft, andere benötigen einen kleineren Rahmen. Da muss man flexibel reagieren können“, sagt Weidmann. Gerade beim Theatertreffen kommen die Kulissen oft aus anderen Städten, wo sie nicht selten für ehemalige Industriehallen gebaut wurden. In Berlin müssen sie dann auf die Bühne der Festspiele passen. „Da geht es manchmal nur um wenige Zentimeter“, erzählt Weidmann. Dazu kommt, dass das Theater schlicht heruntergenutzt wurde. Der Verein Freie Volksbühne, dem der Senat gleich nach dem Mauerfall – noch vor dem Schiller-Theater – sämtliche Subventionen entzogen hatte, musste das Haus in den 90er Jahren auch an Musicalbetreiber vermieten.

Jetzt ziehen Arbeiter gerade den neuen Bühnenboden ein. Dessen Tragfähigkeit wird sich von 500 auf 1000 Kilogramm pro Quadratmeter verdoppeln. Die sogenannten Prospektzüge, an denen die Kulissen aufgehängt werden, können ab jetzt elektrisch bedient werden – bis vor kurzem wurden sie noch mit Gegengewichten in die Höhe gezogen. Dafür stehen Synchronmotoren auf dem Schnürboden, die aufgrund eines Gleichstromverfahrens sehr energieeffizient sein sollen. Während die Stahlseile für die Prospektzüge früher auf dem Boden liefen und eine ständige Stolpergefahr für die Bühnenarbeiter darstellten, sind sie jetzt unters Gitter verlegt.

Für die Besucher sind diese Neuerungen nicht sichtbar – anders als die Lehnen im Zuschauersaal, die sechs Zentimeter höher sein werden. Sämtlich Stühle können jetzt herausgenommen werden, etwa um beim Jazzfest Platz für ein Mischpult in der Mitte zu schaffen. Auch die Akustik des Saals wurde verbessert. Ansonsten hat sich nichts verändert, auch die Paneele aus Eschenholz, mit denen die Wände verkleidet sind, wurden belassen. Das Haus steht unter Denkmalschutz, und Architekt Fritz Bornemann, der auch die Deutsche Oper und die Amerika-Gedenkbibliothek entworfen hat, hat sich bis zu seinem Tod 2007 gegen Veränderungen an seinen Bauwerken gewehrt.

Allerdings betont Andreas Weidmann, dass der aktuelle Umbau vollständig mit dem Denkmalschutz abgesprochen ist. Dass das Haus gerade jetzt saniert wird, hat weniger mit dem Tod von Fritz Bornemann zu tun als mit dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung, aus dem die 15 Millionen Euro stammen, die der Umbau kostet. „Wir werden das modernste Theater der Stadt haben“, sagt Joachim Sartorius, Intendant der Festspiele. „Ich sehe die 15 Millionen auch als Bekenntnis des Bundes zu den Festspielen und damit als eine Art Bestandgarantie.“ Die äußert sich auch anders: Gerade wurde der Mietvertrag um 20 Jahre verlängert.

Jetzt müssen sich die Arbeiter aber ranhalten. Am 3. November beginnt das Jazzfest, bis dahin müssen Bühne und Zuschauersaal völlig fertig sein. Im Frühjahr kommen noch die Foyers und der Kassenbereich dran, bevor im August 2011 das gesamte Gebäude mit einem großen Fest wiedereröffnet werden soll. Der Einzug der Festspiele ins eigene Haus ist dann passenderweise genau zehn Jahre her.

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