Bauboom in Teltow : Die Dauerbauer hinterm Stadtrand

Keine Stadt wächst so schnell wie Teltow, südlich von Berlin. Aber wann ist Schluss? Ein Besuch in der Bauverwaltung.

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An die Bagger, fertig, los! Wie hier am Hafen wird in ganz Teltow gerade gebaut - und das ist auch dringend nötig.
An die Bagger, fertig, los! Wie hier am Hafen wird in ganz Teltow gerade gebaut - und das ist auch dringend nötig.Foto: Andreas Klaer

350 Wohneinheiten auf dem Immergrün-Gelände, 140 Wohneinheiten an der Südspange, 180 Wohneinheiten an der Potsdamer Straße / Weserstraße ... Wenn Teltows 1. Beigeordnete Beate Rietz (SPD) die Bebauungspläne aufzählt, die derzeit im Teltower Bauamt bearbeitet werden, dann kann einem schwindlig werden: Insgesamt zwölf große Wohnungsbauprojekte sind derzeit in der Planung, unterm Strich sollen damit rund 1300 Wohneinheiten entstehen – für über 3000 neue Einwohner. Andere Orte rund um Berlin würden sich freuen, auch nur ein Viertel solcher Baugebiete ausweisen zu können. Doch oft fehlt es ihnen an Platz – oder an Zuzugswilligen in so hoher Zahl.

Ist es ein besonderes Jahr, eine Ausnahmesituation für Teltow? Iris Abraham, die Sachgebietsleiterin für Stadtentwicklung und seit 1991 im Teltower Rathaus tätig, schüttelt den Kopf. „Eigentlich geht das so schon seit Mitte der 90er Jahre.“ Der erste Teltower Bauboom sei durch die zahllosen Rückübertragungen ausgelöst worden, die Betroffenen brauchten neue Wohnungen. Und als man den Eindruck gewinnen konnte, dass das Baugeschehen sich verlangsamen könnte, da kam vor elf Jahren der Anschluss ans Berliner S-Bahn-Netz. Von 15 000 auf 25 000 Einwohner ist Teltow so in 25 Jahren gewachsen. Wo findet dieses Wachstum eigentlich statt? Warum hat Teltow ein solches Potenzial an Bauflächen?

Große Erfolge seit der Wende

Baubeigeordnete Beate Rietz (SPD) verweist auf das Integrierte Stadtentwicklungskonzept aus dem Jahr 2008, das die Entwicklungsziele klar definiert: eine Aufwertung der Altstadt, Einzelhandelsflächen im Nordwesten, Wissenschaft und Gesundheit im Nordosten, Landschaftsräume im Süden.

Auch wo attraktive Wohnstandorte profiliert werden sollen, ist klar definiert. Rietz nennt als Beispiel, dass die Unterschutzstellung der Rieselfelder vorangetrieben wurde, der frühere Mauerstreifen als grüne Achse nicht bebaut werden darf, dass die Potsdamer Straße an der Altstadt saniert wurde – auch wenn das noch nicht durchweg die erhofften Investitionen bei den Hausbesitzern nach sich gezogen hat. Der Hafen und das Marina-Quartier gehörten ebenfalls zu den – wenn auch umstrittenen – Projekten, mit denen die hübsche, aber vielen Durchreisenden gar nicht bekannte Altstadt präsenter werden soll.

Dass die zur Wendezeit völlig verfallenen Altstadthäuser überhaupt gerettet werden konnten, sie inzwischen von den Eigentümern – oft mit Fördergeldern – fast komplett durchsaniert werden, zählen Beate Rietz und Iris Abraham zu den großen Erfolgen der Stadtentwicklung seit der Wende. Stolz sei sie auch, dass Teltow das Image eines verwahrlosten Ex-Industriestandorts endgültig losgeworden ist, sagt Abraham.

Rund die Hälfte des Stadtgebietes wurde neu geplant

Auf fast 100 Hektar seien in der DDR-Zeit Industriebetriebe in Teltow ansässig gewesen. Tausende waren in den volkseigenen Betrieben wie dem Geräte- und Reglerwerk oder dem Elektronische Bauelemente „Carl von Ossietzky“ beschäftigt. Als die zur Wendezeit pleite gingen, gab es nicht nur ein Problem mit Arbeitslosen, sondern auch mit gewaltigen, teils völlig verseuchten Brachen. Dienstleitung, Verwaltung, Wissenschaft und Lehre – das waren Themen, mit denen sich die Stadt auf den alten Flächen profilieren wollte – und es auch tat.

Rund die Hälfte des Stadtgebietes wurde neu geplant, zu rund drei Vierteln mit Einfamilien-, Doppel- und Geschosswohnungen. Selbst wenn Baulücken langsam rar werden, gibt es in der Fläche der Stadt immer noch derartig viele Brachen, dass sich noch über Jahre die Kräne drehen werden.

Nicht „Rübchenstadt“, sondern „Boomtown“ heißt es inzwischen immer wieder, wenn über Teltow geschrieben oder gesprochen wird. Nicht umsonst wurde Teltow im vorigen Jahr zur am schnellsten wachsenden Mittelstadt Deutschlands gekürt. Der Siedlungsdruck aus Berlin tut das Seinige, bis zum Alexanderplatz sind es 20 Kilometer. Und die Bodenpreise sind gegenüber Nachbarn wie Stahnsdorf und Kleinmachnow immer noch günstig.

Soziale Infrastruktur gewährleisten

Man müsse schon aufpassen, dass die städtische Infrastruktur mit dem schnellen Einwohnerwachstum mithält, sagt Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD). „Wichtig ist, neben dem Wohnungsbau auch die damit verbundene soziale Infrastruktur zu gewährleisten. Nur so kann der Ort auch weiterhin für seine Bewohner attraktiv bleiben.“ Im Rathaus macht man sich da weniger Sorgen um den Einzelhandel, sondern mehr um Kitas, um Schulen und Sportanlagen.

Manchen Investor, der Siebengeschosser errichten wollte, musste die Verwaltung schon bremsen, um das Wachstum nicht zu überdehnen. Außerdem muss jeder, der in Teltow großflächig baut, zur Entwicklung der Infrastruktur beitragen.

Bei aller Freude am Erwachsenwerden weiß man im Rathaus, dass es nicht immer so weitergehen wird. Der Landesentwicklungsplan gesteht der Stadt ein Wachstum auf 30 000 Einwohner zu. Schaut man sich die Potenziale im Flächennutzungsplan an, so wäre sicherlich einiges mehr drin, sagt Beate Rietz. Doch irgendwann ist auch in Teltow einmal Schluss. In den nächsten zehn Jahren, schätzt sie, wird die Ausweisung neuer Bauflächen abflachen. Bis dahin bleibt für die Stadtentwickler in der Bauverwaltung noch einiges zu tun.

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