Baudenkmal : Karl-Murx-Allee

Stephan Wiehler rätselt über Kacheln, die fallen und wieder fallen.

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Über die sozialistischen Errungenschaften ließ sich immer leicht spotten. Die Mauer zum Beispiel. Schien auf den ersten Blick solide konstruiert, hielt aber nur 28 Jahre. Schneller noch ging es an der Karl-Marx-Allee (vormals Stalinallee). Als schon kurz nach der Fertigstellung in den fünfziger Jahren die ersten Fliesen von der Fassade fielen, hieß es: typisch Arbeiterherrschaft, vermutlich den Mörtel gestreckt und säckeweise Zement zur Seite geschafft – und dann auch noch gegen das Plansoll den Volksaufstand geprobt. Das kann sich ja nicht lange halten!

Irgendwie hielt es trotzdem noch vier Jahrzehnte. Inzwischen gilt die Karl- Marx-Allee als Deutschlands längstes zusammenhängendes Baudenkmal und soll sogar Weltkulturerbe werden. Die keramischen Fassaden wurden denkmalgerecht saniert, für das jahrelang ausgeklügelte Verfahren viele Steuermillionen investiert. Dennoch fallen jetzt wieder Fliesen. Offenbar wurden bei der Sanierung Platten verbaut, die für die Traglast der Fliesen nicht geeignet sind. Die verantwortliche Firma ist nicht mehr haftbar zu machen – sie ist pleite. Wie hieß das bei Marx so schön: Alle weltgeschichtlichen Tatsachen ereignen sich zweimal: „das eine Mal als große Tragödie, das zweite Mal als lumpige Farce“.

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