Berlin : Bauen gegen die Krise: Große Pläne für viele Einkaufszentren

Der Umsatz geht zurück, der Konkurrenzkampf tobt, doch die Investoren lassen sich nicht schrecken

Cay Dobberke

Im Einzelhandel gehen die Umsätze zurück, allenthalben ist von der Wirtschaftskrise und verschärftem Preiskampf die Rede. Doch die Investoren planen noch mehr Einkaufszentren in Berlin oder bauen bestehende Standorte aus. Schon jetzt gibt es 27 große Center. Darüber hinaus sind der Senatswirtschaftsverwaltung zehn Bauvorhaben bekannt, die verwirklicht werden sollen. Weitere Projekte sind im Anfangsstadium. Sogar für eine Shopping-Passage im 91 Jahre alten Baudenkmal Haus Cumberland am Kurfürstendamm gibt es neuerdings Pläne.

Erst vor wenigen Tagen eröffneten elf Geschäfte im Reinickendorfer Einkaufszentrum „Clou“, das vergrößert wurde und nun 47 Läden auf knapp 20 000 Quadratmetern beherbergt. Mit einem Millionenaufwand wird derzeit das Forum Neukölln modernisiert (siehe Beiträge unten). Einen weiteren riesigen Neubau brachte Bausenator Peter Strieder (SPD) gerade auf den Weg: Er unterzeichnete den städtebaulichen Vertrag für ein Center der portugiesischen Firma Sonae zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke in Mitte.

Berlins Einzelhandelsverband und die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus lehnen das Projekt als überdimensioniert ab. Andreas Kogge von der auf Handelsimmobilien spezialisierten Makler- und Beratungsfirma Kemper’s meint, wegen der begrenzten Kaufkraft drohe eine „Kannibalisierung“ unter den Centern – und ein weiterer Niedergang mittelständischer Läden. „Berlin braucht keine neuen Verkaufsflächen.“ So lassen sich auch Zahlen des Instituts für Markt- und Wirtschaftsforschung deuten: Von 1991 bis 2002 gingen die Umsätze aller Berliner Händler von 19,2 auf 14,9 Millionen Euro zurück. Die Beschäftigtenzahl sank von 142 000 auf 86 000. Zugleich wuchs die Verkaufsfläche von 2,63 auf vier Millionen Quadratmeter.

Durch das Projekt am Alex entstehe „im Rücken des Platzes ein überdimensionierter Kaufpalast“, kritisiert Kogge. Dies schade dem Kaufhof und anderen Geschäften am Alex, aber auch Centern mit „identischen Käuferströmen aus dem Ostteil der Stadt“: dem Allee- und dem Ring-Center an der Landsberger Allee, dem Linden-Center am Prerower Platz, den Potsdamer-Platz-Arkaden, den Schönhauser-Allee-Arcaden und dem Zentrum Helle Mitte in Hellersdorf. Der Konkurrenzkampf spitzt sich besonders an der Landsberger Allee zu. Im Hohenschönhausener Teil plant ein Hamburger Investor das zweitgrößte Einkaufszentrum Deutschlands mit 45 000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Bisher gilt die Mehrzahl der Center als erfolgreich – allen voran die Neuköllner Gropius-Passagen und die Potsdamer-Platz-Arkaden. Andererseits blieb an der Landsberger Allee ein von Aldo Rossi entworfenes Center wegen der starken Konkurrenz nur eine Bauruine. Das 40 Jahre alte Europa-Center am Breitscheidplatz in Charlottenburg zieht zwar immer noch viele Touristen an, aber davon profitieren überwiegend die Läden im Parterre. Im Obergeschoss mangelt es an Laufkundschaft. Im Kurfürstendamm-Karree ist der Makro-Markt der einzige Publikumsmagnet. Immobilienexperte Kogge nennt das 1974 eröffnete Center „eine Totgeburt“. Ohne den Elektronikmarkt „könnte man es zuschließen“.

Neue Center halten der Einzelhandelsverband, die Industrie- und Handelskammer und die Senatswirtschaftsverwaltung nur an „integrierten Standorten“ für sinnvoll. Damit sind vor allem Einkaufsstraßen gemeint. Laut Jan Holzweißig vom Einzelhandelsverband schaden Center nicht unbedingt den Läden in der Umgebung. Schließlich locke ein großer Einkaufspalast viele Kunden in die Gegend. So sieht es auch die Wirtschaftsverwaltung. „In Centern gibt es ja immer die gleichen Filialketten“, sagt Sprecher Christoph Lang. Die Chance benachbarter Läden bestehe in „alternativen und ergänzenden Angeboten“.

Und so sind auch nicht alle Projekte umstritten. Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf verspricht sich eine Aufwertung der Schloßstraße durch ein Center mit 80 Läden neben dem alten Rathaus Steglitz. Dafür soll bald das Haus der Stadtbibliothek an der Grunewaldstraße abgerissen werden; als Ersatz erhält die Bücherei größere Räume im Neubau. In Marzahn ist ein Center namens „Eastgate“ geplant, das der Einzelhandelsverband „unverzichtbar“ für die Gegend nennt. Auch nahe dem Rathaus Tempelhof soll ein Zentrum entstehen. „Tempelhof ist noch unterversorgt“, bestätigt die Immobilienfirma Kemper’s die Meinung der Bezirkspolitiker.

Nur auf Kopfschütteln stößt dagegen die Idee des Trabrennvereins Berlin, die Trabrennbahn Mariendorf zu verkaufen, damit eine französische Firma ein Center bauen kann. Das Bezirksamt und die Senatsbauverwaltung sehen keinen Bedarf und wollen den Flächennutzungsplan nicht ändern.

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