Berlin : Bauen und Modernisieren: Bloß nicht anfassen!

Eva Kaspar

Wenn besorgte Nachbarn Karin Wüst rufen, ist es oft schon zu spät: Dann gleichen die Gärten einer Backstube. Rasen, Beete, Sträucher und Bäume sind weiß bestäubt. Der Staub kommt vom Dach der Laube, mittendrin. Der Wellasbest darauf ist nun blitzeblank - alles andere strahlt auch, nur: giftig. "Kleingärtner reinigen immer noch ihre Asbestzementdächer mit Hochdruckstrahlern oder bürsten sie ab, um sie anschließend streichen zu können", sagt Karin Wüst, Asbestexpertin beim Landesamt für Gesundheitsschutz, Arbeitsschutz und technische Sicherheit (LaGetSi). Und dabei schleudern sie aus dem Baustoff Millionen Asbestfasern, die in die Lungen gelangen können, in die Luft: über 200 000 pro Kubikmeter.

Karin Wüst bleibt dann nichts anderes übrig, als ein Strafverfahren gegen den "Saubermann" einzuleiten. Und sie veranlasst die Sanierung des Grundstücks und der Umgebung durch Experten. Sie reinigen Häuser und Terrassen, roden Sträucher und Bäume und transportieren den Sondermüll sowie die oberste Erdschicht der Parzellen auf die Deponie. Bezahlen muss das alles der Laubenbesitzer.

Fälle wie dieser sind sicherlich ein Extremfall. Doch auf Berliner Dächern liegen noch immer hunderttausende Platten aus Asbestzement. Auch beim Bau von Fassaden kamen sie zum Einsatz. Erst 1990 stellte die deutsche Industrie die Produktion dieser gesundheitsgefährdenden Baustoffe auf Druck von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik ein. Doch in den vorangegangenen 40 Jahren kam das giftige Material an Gartenhäuschen und Garagen zum Einsatz sowie bei Gewerbebauten. Und der Zahn der Zeit nagt an dem Baustoff: Die Platten verwittern, Dächer werden unansehnlich oder porös und Fassaden brüchig.

Mit unschönen Folgen für die Umwelt: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung rechnet noch immer mit rund 100 lungengängigen Asbestfasern je Kubikmeter Berliner Luft. In unmittelbarer Nachbarschaft von Bauten, wo Asbestzementprodukte zum Einsatz kamen, messen Experten meist keine höheren Werte als andernorts. Denn: Die Luft verdünnt die winzigen, unsichtbaren Teilchen sehr schnell und verteilt sie dann über das Stadtgebiet. Immerhin: Der Wert 100 entspricht nur einem Fünftel der Faserkonzentration, die nach einer erfolgreichen Asbestsanierung in Innenräumen unterschritten sein muss. Dies schadet der Gesundheit unvergleichlich weniger als Zigarettenrauch oder auch Dieselruß. Dennoch: Eine zusätzliche Verschmutzung der Luft bedeutet dies allemal.

Asbest im Palast der Republik

Wie gefährlich asbesthaltige Baustoffe sind, hängt wesentlich von der Art ab, wie das Mineral verarbeitet ist: Denn nur wenn sich die Fasern aus den Baustoffen herauslösen können, gelangen sie in die menschlichen Atemwege und können Krebs verursachen. In Berlin kamen in großen Gebäuden wie dem ICC, dem Palast der Republik und dem Steglitzer Kreisel so genannte leicht gebundene Asbestprodukte zum Einsatz. Die Planer ließen diese zum Brandschutz bis in die frühen 80er Jahre einbauen. Sie bestehen zu 60 bis 90 Prozent aus Asbestfasern. Daher können schon kleine Erschütterungen des Mauerwerks sie zu Tausenden in die Innenräume hineinwirbeln. Wie groß diese Gefahr ist, und damit die Sanierung des Gebäudes dringend, das ermitteln Sachverständige. In einigen Fällen kann der Immobilien-Besitzer die Entsorgung der Stoffe aufschieben, zum Beispiel wenn der Innenraum von der kontaminierten Wand staubdicht abgeschottet ist. Allerdings müssen die asbesthaltigen Materialien als solche gekennzeichnet sein und Fachleute sie alle zwei oder fünf Jahre kontrollieren.

Für Außenhüllen von Gebäuden kam dagegen Asbestzement zum Einsatz. Die Fasern sind hier fest in den Baustoff eingeflochten und tragen nur mit zehn bis 15 Prozent zur Baumasse bei. Daher ist bei diesem so genannten fest gebundenen Asbest in der Regel weder eine Kontrolle noch eine Sanierung erforderlich. Aber: Das Bohren von Löchern oder andere mechanische Arbeiten sind auch an Asbestzement nicht erlaubt. Nur eine Reinigung beschichteten Zements mit einem sanftem Wasserstrahl ist zulässig.

Wenn Dach oder Fassaden aus Asbestzement abgebaut werden sollen, sind strengste Vorschriften zu beachten. Der Bauherr sollte damit Fachfirmen mit Sachkundenachweis nach TRGS 519 beauftragen, den technischen Regeln für Gefahrstoffe, Asbest, Abbruch, Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen. Die Beseitigung von Asbest bei Garagen oder Gartenhäuschen kann der Nutzer schon mal selber übernehmen. Vorausgesetzt, er behandelt die Asbestzementplatten wie einen Haufen kleiner, hochempfindlicher Sprengsätze: Erschütterungen so weit wie möglich vermeiden, damit die Fasern im Material bleiben. Dabei sind Kratzen, Bohren und Brechen, Sägen, Bürsten und "Abkärchern" nicht nur strafbar, sondern auch gefährlich: Tausende von Fasern gelangen dabei auf kürzestem Wege in die Lunge des Arbeiters. Um die Fasern zusätzlich zu binden, sollte man die Platten ständig feucht halten, indem man sie besprengt. Dabei muss das Wasser sanft fließen, damit nicht der Strahl Fasern herausschleudert. Bricht ein Stück entzwei, sollte man die Bruchstellen sofort anfeuchten.

Zum eigenen Schutz empfiehlt es sich, einen "Blaumann" oder, besser noch, einen Einweganzug überzustreifen. Diesen sollte man ausziehen, bevor man ins Auto steigt oder die Wohnung betritt, um zu verhindern, die Fasern mit der Kleidung in Innenräume zu tragen. Über Mund und Nase gehört die so genannte P2-Maske. Diese ist im Fachhandel für Arbeitsschutzausrüstungen und in einigen Baumärkten erhältlich.

Alles, was abgetragen ist, kommt in einen Container mit Deckel oder in reißfeste Folien und Säcke. Auch Nägel, Schrauben, Holzlatten und andere mit den Platten in Berührung gekommene Baustoffe sind meistens mit Fasern verschmutzt. Bis zu einem Kubikmeter von diesem Problemabfall nehmen Kleinsammelstellen privater Abfallbetriebe ohne größere Formalitäten an, die stationären Annahmestellen der Berliner Stadtreinigung bis zu 500 Kilo - das entspricht rund einem drittel bis einem halben Kubikmeter. Die Preise für die Entsorgung liegen bei 100 bis über 280 Euro je Kubikmeter.

Wer einen ängstlichen Nachbarn hat oder asbesthaltige Baustoffe neben einem Kindergarten, einer Schule oder einem Spielplatz abtragen muss, schaltet besser vorher Fachleute des LaGetSi ein. Sie beraten in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt.

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