Berlin : Baum-Zählung: Äpfel und Mirabellen im Grunewald

Christian van Lessen

Die "Grüne Lunge" Berlins soll umfassend untersucht werden, und dafür hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit den Forstämtern ein Inventur-Programm für die Wälder gestartet: Grunewald, Treptow und Buch sind als erste an der Reihe. Gutachter ermitteln und beschreiben in den nächsten zwei Jahren mit Stichproben-Aufnahmen den Baumbestand, die Dichte, das Alter und die Artenmischung. Sie erfassen markante Einzelbäume und geschützte Biotope. Die Daten werden erstmals per Computer erfasst und als Karten zur Verfügung stehen. Die eine Million Mark teure Inventur soll den Behörden bei der Planung helfen, wie die Wälder in den nächsten zehn Jahren zu pflegen und zu bewirtschaften sind.

Rund 20 Prozent der Fläche Berlins bestehen aus Wald; auf einem kleinen Stückchen unweit des Kronprinzessinnenweges demonstrierten Forstleute am Donnerstag, was die Inventur allein im Revier Nikolassee an ökologisch Beachtenswertem zutage förderte: Acht Apfel- und vier Mirabellenbäume, 66 markante Bäume mit einer besonderen Bedeutung für holzbewohnende Insekten, Vögel und Fledermäuse und Marder, drei Kiefern-Eichen-Wälder, einen Sumpf-Bruch- und Auenwald. Erkenntnisse, die bei der Waldrandgestaltung, Freiflächenpflege und veränderten Wegeführungen helfen können.

Auch der Holzeinschlag, über den sich viele Spaziergänger oft wundern und ärgern, soll mit der Inventur wissenschaftlich untermauert werden. Die Erhaltung des Waldes wird als oberstes Ziel der Forstbehörden genannt, doch Holz ernten gehört auch zu den Aufträgen aus dem Landeswaldgesetz. Rund 70 000 Kubikmeter Holz werden jährlich verkauft, und zahlreiche Berliner Regalbretter und Schrankwände stammen aus dem Wald vor der Haustür. Dass es im Wald oft so krautig aussieht und abgeholzte Stämme kreuz und quer verrotten, liegt auch an fehlenden Arbeitskräften. Zeitweise bis zu 40 ABM-Kräfte konnte Arno Maximini, Revierförster von Nikolassee, früher beschäftigen; seit letztem Jahr kommt keiner mehr. "Das tut uns richtig weh."

Aber ein "aufgeräumter Wald" gilt in den Forstämtern längst nicht mehr als Maxime. Man will den möglichst natürlich gewachsenen Mischwald, und da darf einiges herumliegen. Maximini und sein Forst-Kollege und Gutachter Raimund Schütter zeigten gestern ein Waldstück unweit der Revierförsterei, das ganz nach ihrem Geschmack ist: Kein krank aussehender Baum weit und breit, bis zu 130 Jahre alte Kiefern, die das Bild bestimmen, daneben Eichen, Buchen und Ebereschen. Für die Gegend untypische, aus den USA stammende Traubenkirschbäume aber wurden behutsam entfernt, weil ihr dichter Bodenwuchs die Entfaltung der benachbarten Baumarten hinderte. Auch die Roteiche wird von den Förstern nicht gern gesehen. Der Traubenbaum, in Holland "Waldpest" genannt, wird noch auf manchen Inventur-Listen auftauchen und hier und da entfernt werden.

Ist der Baum erst weg, kommen auch wieder mehr Feldhasen, die das Geäst am Boden verdrängt hatte.

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