Baumfällungen in Berlin : Kampf um Baum und Borke

Wenn es ums Grün geht, versteht der Berliner keinen Spaß. Er hat auch jeden Grund dafür. Denn Linde, Ahorn & Co. werden schneller gefällt als nachgepflanzt.

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Rigorose Umgestaltung oder behutsame Instandsetzung - diese Frage beschäftigte Berlin in den vergangenen Wochen.Alle Bilder anzeigen
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22.08.2010 10:54Rigorose Umgestaltung oder behutsame Instandsetzung - diese Frage beschäftigte Berlin in den vergangenen Wochen.

Zwei Dutzend Menschen sind an diesem Abend über den Hang des Großen Bunkerberges im Volkspark Friedrichshain gewandert, vorbei an einem Zaun mit Sperrschild, „wegen Bruchgefahr in den Bäumen“. Als Geste des guten Willens hat die Stadträtin Jutta Kalepky Bezirksverordnete und Baumfreunde hierher geladen. Jene hören mit steigendem Puls die Aussagen von Grünflächenamtsleiter Hilmar Schädel. Der sagt, man müsse einige Pappeln stutzen, damit sie nicht umfallen. Er spricht vom notwendigen Generationswechsel und von „Windereignissen“ wie neulich, als eine haltlose Robinie auf eine Parkbank krachte. Als er alles erklärt hat, faucht ihn ein graumähniger Bürgerbewegter an: „Dann hab’ ich irgendwann gar keine Bäume mehr hier oder was?“ Schädel fragt, was man denn darauf antworten solle. Der Graumähnige höhnt, warum denn die anderen Bäume trotz des Windes überhaupt noch stehen. Hinten im Pulk murmelt ein von so viel Baumwurzeldemokratie erschöpfter Bezirksamtler: „Wenn aber einer erschlagen wird, sind wir Mörder.“

Der Mörder ist also der Gärtner. Der Baum dagegen mag zwar im Sterben Menschen und Autos ins Jenseits mitnehmen, aber er ist unentbehrlich für Luft, Leben und Liebreiz der Stadt. Die 434 000 Berliner Straßenbäume sind die Sympathieträger schlechthin – und eine winzige Minderheit im Vergleich mit ihren 30 bis 40 Millionen Artgenossen in den städtischen Forsten. Den höchsten Promi-Status genießen rund 600 zu Naturdenkmalen gekürte Einzelexemplare in der Stadt.

Wenn Innenstadtbäume auf dem Spiel stehen, sehen nicht nur grüne Fundis rot. Am Gendarmenmarkt sind es Banker und Restaurantbetreiber, die als „Freunde und Förderer“ um die 134 Kugelahornbäume auf dem berühmten Platz kämpfen. Mit Erfolg, wie es aussieht, denn die Woche begann mit einer überraschend angesetzten Pressekonferenz im Rathaus Mitte. Auf der erklärte Baustadtrat Ephraim Gothe, er sei „ein bisschen in Sorge, dass ich als Baumschänder in die Geschichte eingehe“. Eineinhalb Stunden lang sprach er über die vielen schon oder demnächst aufgehübschten Parks im Bezirk und präsentierte die Straßenbaumbilanz fürs erste Halbjahr: 72 Fällungen, 97 Pflanzungen. Am Ende des Jahres soll ein Plus von 178 Bäumen stehen; seit 2002 seien es sogar 3400 Stück mehr geworden. Und das, obwohl es für Straßenbäume keinen eigenen Etat gebe.

Da der Senatstopf für die Grünflächenpflege gedeckelt ist und seit Jahren niemand eingestellt werden darf, pflanzen Gothes Leute also Bäume, deren Pflege sie eines Tages überfordern wird. Die Alternative, keine Bäume zu pflanzen, findet der Stadtrat noch schlechter. Andere Bezirke praktizieren sie. Marzahn-Hellersdorf und Spandau weisen fürs vergangene Jahr je drei Neupflanzungen auf – bei mehr als 200 Fällungen. Marzahn- Hellersdorf hat sich zwar durch Widmung diverser Flächen zu öffentlichem Straßenland 4372 Bäume neu in die Bilanz geholt, aber das ändert nichts am realen Minus. Friedrichshain-Kreuzberg kam 2009 zwar völlig ohne Fällungen aus, aber hat 184 Bäume per „Entwidmung“ aus der Statistik entfernt.

Ob diese 184 noch leben, ermittelt zurzeit Christian Hönig vom Umweltverband BUND. Hönig hat während seines Forstwirtschaftsstudiums als Baumpfleger gejobbt, aber sein Wirken dann vom Geäst ins Büro verlegt. Dort bastelt er gerade am Internetauftritt „www.baeume- fuer-berlin.de“. Der soll die Basis einer Kampagne für 10 000 neue Bäume in Berlin werden. Etwa so viele werden laut BUND gebraucht, um den Verlust der vergangenen Jahre auszugleichen.

Auch Petra Rohland, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, gibt die Parole aus, dass „so viel wie möglich wieder nachgepflanzt“ werden solle. Das jährliche Baumdefizit habe auch fachliche Gründe, wenn beispielsweise alte Bäume zu dicht nebeneinander oder an Fassaden standen. Zurzeit erarbeite ein „Fachausschuss Stadtbäume“ aus Experten von Bezirken und Senat ein Gesamtkonzept, damit Berlin grün bleibt.

Dass der laufende und oft unvermeidliche Generationswechsel viele schmerzt, liegt auch in der Natur der Sache: Was für einen großen Baum nachgepflanzt wird, beeindruckt erst wieder die übernächste Generation. Entlang der Brandenburger Alleen wird dieses Phänomen besonders offenbar. Und der Versuch, ausgewachsene Bäume zu verpflanzen, hat schon den Fürsten Pückler ruiniert.

BUND-Mann Hönig sieht zwei Berliner Hauptprobleme: „Der Baumbestand wird ans Budget angepasst und nicht umgekehrt.“ Man sehe das auch an „Vorratsschnitten“, nach denen Bäume wie Kleiderständer aussehen und ein paar Jahre mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt sind. Hinzu kämen Verwaltungen, die mit ihren knappen Ressourcen „komplett aus sich selbst heraus etwas planen, bis die Leute davon Wind bekommen und es knallt“. So wie im Volkspark Friedrichshain, wo das Bezirksamt nun mit den organisierten und traumatisierten Baumfreunden aneinandergerät. Die Organisationen heißen Bäume vom Landwehrkanal, am Landwehrkanal, für alle, für Kreuzberg – nur Experten können sie noch auseinanderhalten. Das Trauma, das sie stark werden ließ, war die autistische Rodungsaktion des Wasser- und Schifffahrtsamtes am Landwehrkanal vor drei Jahren. Aber in den Bezirksämtern beobachtet Hönig deutliche Besserung: Man rede jetzt mehr miteinander.

Der Wald steht stumm und schweiget, aber die Straßenbäume vor der eigenen Haustür gehören für viele zur Familie. Wie es den lieben Nachbarn geht, weiß Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt. Sie spricht über Eichenprozessionsspinnner, Zierlaus, Mehltau und Miniermotte – und klingt dabei erstaunlich gelassen. Denn mit den meisten Unbilden würden die Bäume recht gut fertig. Oder es komme der Asiatische Marienkäfer daher, der die Linden von der Lindenzierlaus befreie. Oder die Raubmilben, die Spinnmilben fressen, so dass Ahorn und Eichen wieder freier atmen können. Die Linden, häufigste Berliner Straßenbäume, seien ohnehin recht intakt. Die Platanen hätten sich von ihrem Kaltstart im Frühjahr gut erholt, und die Hitzewelle vom Juli sei nur für kleinere Bäume wirklich dramatisch gewesen. Schlecht sehe es nur für die Kastanien aus, unter denen sich die Miniermottenbrut den schneereichen Winter lang ausschlief, um im Frühjahr mit Macht über die Blätter herzufallen. Dieses Jahr sei das bisher heftigste – jedenfalls da, wo niemand das Laub beseitigt hat. Aber auch im Süden, wo die Motten seit mehr als 15 Jahren wüten, leben die Kastanien noch.

So gut, wie die Woche mit der Baumretter-Ansage von Stadtrat Gothe begonnen hatte, endete sie auch: Am Freitag ging beim Spandauer Baustadtrat Carsten Michael Röding eine 500-Euro-Spende ein. Es war der bislang größte Beitrag zur Baumspendenaktion, zu der Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf vor zwei Wochen aufgerufen hatten. Aus dem Charlottenburger Rathaus wurde ebenfalls einiges Interesse gemeldet, aber noch kein Geld gezählt.

Glaubt man Christian Hönig, sind die Bäume den Berlinern nicht mehr nur lieb, sondern auch teuer geworden: Vor ein paar Jahren sei der Stückpreis in allen Bezirken von etwa 400 auf 1000 Euro gestiegen. Stadtrat Röding sagt, in den 1000 Euro sei auch die Pflege für die ersten Jahre drin. Und: Wer eine leere Baumscheibe vor der Tür habe und 1000 Euro abliefere, bekomme den Baum gern dorthin gepflanzt.

SCHÖN UND GUT

Bäume filtern Staub aus der Luft und regulieren das Stadtklima, indem sie Wasser verdunsten. Böden und Mauern heizen sich in ihrem Schatten weniger auf, was auch abends die Temperatur schneller wieder sinken lässt. Vor allem wandeln sie Kohlendioxid in Sauerstoff und Zucker um. Das hilft der lokalen Umwelt und dem globalen Klima.

FRISCH UND SAUBER

Eine 100 Jahre alte Buche mit 1600 Quadratmetern Blattfläche verdunstet an einem warmen Tag bis zu 400 Liter Wasser, nimmt 18 Kilo Kohlendioxid auf, produziert 13 Kilo Sauerstoff und 12 Kilo Zucker. Der Zucker geht ins Holz. Der Sauerstoff deckt den Tagesbedarf von zehn Menschen, die CO2-Menge entspricht dem Ausstoß von 100 Auto-Kilometern (bei ca. 7 Liter Benzin- bzw. 6 Liter Diesel-Verbrauch).

NATÜRLICH STÄDTISCH

Laut Pflanzenschutzamt vertragen Ebereschen den Großstadtstress eher schlecht. Unter Streusalz leiden vor allem Ahorne, Kastanien und Linden – an braunen Blatträndern zu sehen. Und alle haben ein Problem mit beschädigter Rinde sowie knochenhart gefahrenen oder getrampelten Baumscheiben. Hundedreck und Trockenheit sind nur für junge Bäume lebensgefährlich.

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