Baupfusch unter Wasser : Auf Tauchgang an der Museumsinsel

Der Neubau der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel ist Berlins berühmteste Tauchstelle. Neun Meter unter Wasser beseitigen Spezialkräfte den Baupfusch einer gefeuerten Firma. Die Kosten explodieren, der Zeitplan geht nicht auf.

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Knapp über null Grad liegt die Wassertemperatur der Spree am Kupfergraben. Da müssen die jetzt durch, die Taucher von Leunert. Da müssen die jetzt rein, um genau zu sein. Uwe Borrasch, kurze schwarze Haare, hat vorgesorgt. Lange Unterwäsche, wollener Pullover und ein schwarzer Kunststoffanzug als dritte Schicht, dann erst schlüpft er in den wasserdichten Taucheranzug. Nun sitzt er am Rand des Pontons, die Füße im Wasser, wie auf einer Bühne – Pergamonmuseum und das Neue Museum sind seine Kulisse. Er wartet, dass ihm der gelbe Helm gereicht wird. Dann taucht er ab, neun Meter tief ins Trübe.

Dort, wo in diesen Tagen der Grundstein für das Zentrale Eingangsgebäude der Museumsinsel gelegt werden sollte, steht alles unter Wasser. Und die Taucher kommen nur millimeterweise voran. Unter Wasser spritzen sie von den Baugrubenwänden mit einem 500 PS starken Wasserstrahl die Betonreste ab. Eine längst gekündigte Firma hat die hinterlassen – und damit für Chaos gesorgt. Abtasten – abstrahlen – abtasten – abstrahlen, so geht das, Tag für Tag, seit Monaten schon. Alles muss sauber sein, bevor die neue Betonsohle tief ins Erdreich hineingespritzt werden kann. Und erst danach werden sie die Baugrube trockenlegen, die einmal der Keller des Eingangsgebäudes der neuen James-Simon-Galerie werden soll.

Auf Tauchgang zur Museumsinsel
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1 von 9Foto: Thilo Rückeis
30.01.2013 16:01

Die Galerie ist das vorerst letzte Haus eines Generationen und Jahrhunderte überspannenden Projekts, das Eingangsgebäude eines Ensembles, das Friedrich Wilhelm II. mit einem Auftrag an einen gewissen Karl Friedrich Schinkel begonnen hatte. Das Eingangsgebäude wird erst 2017 fertig, also drei Jahre später als geplant. Und es wird viel mehr kosten als die vorgesehenen 79 Millionen Euro.

Die Arbeit der Taucher ist aufwendig. Aber nur so lässt sich verhindern, dass der Grundwasserspiegel abgesenkt werden müsste – und ein oder auch gleich mehrere Museen auf der Insel absacken. Der 24-jährige Borrasch wird an einem schwarzen Stahlseil geführt, an dem er sich blind entlanghangelt zu seinem Arbeitsplatz, den künftigen Kellerwänden des Eingangsgebäudes. Im Schlepptau hat der Taucher einen vierfarbigen Kabelbaum, seine Nabelschnur, die ihn mit Sauerstoff versorgt, die Hinweise der Kollegen am Ufer überträgt – und die im Notfall stark genug ist, um ihn herauszuziehen.

Eineinhalb Stunden wird Borrasch unter Wasser bleiben, im blinden Vertrauen auf die beiden Kollegen oben im weißen „LaK“, wie der 51-jährige Firmenchef Karsten Leunert den alten Tauchcontainer aus DDR-Beständen nennt. Die ruhigen Atemzüge des Tauchers sind darin zu hören. „Pumpe an!“ klingt es plötzlich blechern aus einer gelben quadratischen Stahlbox, dem Tauchertelefon. „Pumpe an!“ bestätigt sein Kollege und drückt einen weißen Knopf.

Das Getöse von mächtigen Dieselaggregaten setzt ein, während über den Lautsprecher aus der Tiefe der Baugrube das Rauschen von Wasserstrahlern in den Tauchcontainern dringt. Schweißen, schleifen, bohren, das alles können sie – unter Wasser. Am Potsdamer Platz haben sie gearbeitet, als das Quartier Anfang der 90er Jahre gebaut wurde, Tiergartentunnel, Lehrter Bahnhof, Gleisdreieck, Lenné-Dreieck, auf den großen Berliner Baustellen waren sie überall dabei. Und wie sie so erzählen, scheint es fast, als ob die ganze Hauptstadt auf Wasser gebaut wäre. Aufträge gibt es hier jedenfalls seit Jahrzehnten genug, so viele, dass Leunert mit seiner Firma aus Leipzig extra ins Berliner Umland zog.

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