Baupläne scheitern am Haushalt : Opposition: Wowereit spart konzeptlos

Die Oppositionsparteien kritisieren die Entscheidung des rot-roten Senats, Mittel für Kulturprojekte im historischen Stadtkern zu streichen. Fachleute hoffen, dass sich der Senat umstimmen lässt.

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Fachleute bezweifeln, ob die Pläne für ein archäologisches Zentrum am Petriplatz nun wirklich der Vergangenheit angehören.
Fachleute bezweifeln, ob die Pläne für ein archäologisches Zentrum am Petriplatz nun wirklich der Vergangenheit angehören.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Streichung wichtiger Kulturprojekte im historischen Stadtkern ein Jahr vor Berlins 775. Geburtstag hat den Landesarchäologen und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Matthias Wemhoff „überrascht“. Bisher sei ihm „kein sachlicher Grund“ gegen die Pläne für das Archäologische Zentrum am Petriplatz genannt worden. Wemhoff glaubt, dass „noch keine endgültige Entscheidung“ gefallen ist, obwohl im neuen Haushalt des Senats keine Mittel für das richtungsweisende Projekt eingestellt sind.

Ein Beispiel „launischer Wowereit’scher Politik“ nennt der kulturpolitische Sprecher der CDU, Michael Braun, diese Entscheidung sowie die Stundung der Mittel für die Erweiterung des Märkischen Museums. Kultur sei der „Antrieb der Stadtentwicklung“. Statt daran zu sparen, könnten 50 Millionen Euro durch die Streichung des Jahrgangsübergreifenden Lernens (Jül) freigesetzt werden. Durch den Verzicht auf die Kulturbauten spart das Land rund 40 Millionen Euro innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre ein – und verliert die Fördergelder von Bund und EU von 14 Millionen Euro. Rot-Rot habe „kein Gesamtkonzept zur Gestaltung der historischen Innenstadt“.

Das archäologische Zentrum am Petriplatz soll nach Wemhoffs Plänen Ausgangspunkt für eine „Gesamtschau des historischen Berlins“ werden. Die Arbeit der Archäologen, die Funde sowie die „Landkarte“ der historischen Doppelstadt Berlin-Cölln würden dort in einer modernen archäologisch-historischen Schaustelle erfahrbar. Von dort könnten Besucher auf archäologischen Pfaden durch das Nikolaiviertel zu historischen Fenstern am Schloss und am Alten Rathaus flanieren. Im Zentrum würden unter den Augen der Besucher neue historische Funde aufgearbeitet, die in den kommenden 20 Jahren bei der Umgestaltung des Molkenmarkts und des Marienviertels am Roten Rathaus zu erwarten seien.

Als „Affront gegen die eigenen Leute“ bezeichnet die kulturpolitische Sprecherin der Grünen Alice Ströver Wowereits Entscheidung. Der Regierende sei immer schon ein Gegner des Stadtmuseums gewesen. Die Erweiterung des Märkischen Museums, die eine Zusammenlegung der über die Stadt verteilten Sammlungen des Stadtmuseums möglich machen soll, sei keineswegs nur aufgeschoben: „Es gibt keine verbindliche Zusage, dass es überhaupt gebaut wird“, so Ströver.

„Geschichtslosigkeit“ bescheinigt Volker Thiel, kulturpolitischer Sprecher der FDP, dem Senat. Sparen könne man beispielsweise 80 Millionen Euro im öffentlichen Beschäftigungssektor (ÖBS). Es fehle ein schlüssiges Konzept für die Inszenierung historischer Grabungsstätten neben den Neubauten im Stadtkern. Andere Städte wie Köln seien da weiter: Sie hätten den Mehrwert von Ausgrabungen für Touristen und geschichtsbewusste Anwohner erkannt. Das bestätigt der Sprecher von „Berlin Tourismus und Kongress“, Christian Tänzler: „Die Wurzeln Berlins wieder zugänglich zu machen, ist sicher attraktiv, gerade weil Gäste es weniger erwarten als etwa in Rom.“

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