• Bausenator Michael Müller: „Wir haben die Planung der historischen Mitte nicht verschlafen“

Bausenator Michael Müller : „Wir haben die Planung der historischen Mitte nicht verschlafen“

Berlins SPD-Chef Stöß plant eine IBA, die ein Gesamtkonzept für Berlins historische Mitte hervorbringen will. Stadtentwicklungssenator Müller kritisiert diese Idee, die zu verengt nur die Innenstadt Berlins in den Blick nehme.

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Michael Müller, Berlins Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, in Verteidigungsstellung: "Sollte der Eindruck entstanden sein, dass die Bauverwaltung die historische Mitte als Potenzialgebiet für den Wohnungsbau verschlafen würde, dann ist das schlichtweg falsch."
Michael Müller, Berlins Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, in Verteidigungsstellung: "Sollte der Eindruck entstanden sein,...Foto: dpa/picture alliance

Herr Müller, SPD-Chef Stöß will 4000 Wohnungen vor dem Roten Rathaus bauen. Was sagen Sie dazu?
Die Debatte erfreut mich, aber sie verblüfft mich auch. Es freut mich, dass meine Initiativen der Stadtentwicklungspolitik, des Bauens und der Wohnungspolitik neben den Finanzen und der Bildung zunehmend als großes Schwerpunktthema aufgegriffen werden. Verblüfft bin ich, weil unter den Vorschlägen des SPD-Vorsitzenden einige sind, die wir schon umsetzen. Die historische Mitte Berlins haben wir in die Wohnungsbaudebatte längst einbezogen. Auf dem Kerngebiet von Altberlin und Alt-Cölln haben wir ein Potenzial für den Neubau von rund 1500 Wohnungen entdeckt. Und diese Pläne befinden sich sogar in der Umsetzung: Die Umgestaltung von Molkenmarkt, Luisenstadt und Breite Straße sind Beispiele dafür. Sollte der Eindruck entstanden sein, dass die Bauverwaltung die historische Mitte als Potenzialgebiet für den Wohnungsbau verschlafen würde, dann ist das schlichtweg falsch.

Das sind Gebiete südlich oder westlich des Rathausforums. Warum trauen Sie sich nicht an diese Aufgabe heran?
Das tun wir, aber unmittelbar vor dem Roten Rathaus ist die Baustelle für die U5 und das bis 2017. Und der Bezirk warnt uns eindringlich davor, das angrenzende Marx-Engels-Forum anzutasten. Auf diesen Grundstücken liegen erhebliche Restitutionsansprüche, die bei einer Ausweisung als Bauland wiederaufleben würden. Im Übrigen gab es bei den Koalitionsverhandlungen erhebliche Auseinandersetzungen über die Flächen vor dem Roten Rathaus. Die CDU kann sich dort großflächigen Neubau vorstellen. In der SPD-Fraktion fand diese Position aber keine Mehrheit. Deshalb wurde im Koalitionsvertrag ein behutsames Vorgehen vereinbart. Auf dieser Grundlage arbeiten wir. Diese Debatte führen wir seit Jahren, und das sollten wir in den kommenden Jahren im Dialog mit der Stadtgesellschaft offensiv tun. Es werden auch in der historischen Mitte Wohnungen entstehen, daran arbeiten wir. Aber für mich hat der Wohnungsbau in ganz Berlin Priorität und zwar zu bezahlbaren Mieten, um damit für sozialen Ausgleich zu sorgen.

IBA 2020 - Neue Bauten braucht Berlin
Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas Sieverts. Und sie sollte Bedeutung auch für andere Metropolen haben. Ein Beispiel heißt: Verkehr. Ausfallstraßen, die immer mehr Stadtraumqualität zerstören, nennt er ein „weltweites Problem“. Hier, und möglichst an den Stadträndern und nicht im Zentrum, könnte eine IBA Lösungen finden und sogar ein länderübergreifendes Projekt Berlin-Brandenburg werden.Weitere Bilder anzeigen
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06.07.2011 14:12Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas...

Die Identität des historischen Zentrums ist nicht erkennbar. An der Breiten Straße schneiden Sie die Bauparzellen so großzügig zu, dass monströse Blöcke drohen wie in der Friedrichstraße ...
Über das Vermarktungskonzept der Flächen in der Breiten Straße sind wir in Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern, also dem Bund mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Berliner Liegenschaftsfonds. Die Bima will den maximalen Erlös aus dem Verkauf der Flächen. Der Liegenschaftsfonds wollte das bis vor einigen Wochen auch. Das ändert sich jetzt durch die neue Liegenschaftspolitik. Und ich werde mich für den Masterplan starkmachen, der für die Breite Straße eine kleinteilige Parzellierung nach historischem Vorbild vorsieht.

Was fehlt, ist das Gesamtkonzept für die Kernstadt. Eine breite Debatte darüber könnte eine IBA leisten. Gute Idee, oder?
Da bin ich anderer Meinung. Wir wollen die IBA in sieben Jahren in der Stadt haben. Sie soll Entwürfe für die Weiterentwicklung Berlins in den kommenden Jahrzehnten bringen. Das ist für Berlin wichtig, auch deswegen erarbeiten wir parallel gerade das Stadtentwicklungskonzept 2030 im Dialog mit der Stadt. Es geht um die Nachverdichtung der Innenstadt und um neue Wohnformen. Es geht um die Beziehung zwischen der begehrten Innenstadt und der weniger begehrten Außenstadt. Das sind Themen, wo Stadtplaner zukunftsweisende Pläne in die Stadt bringen sollen. Nur der verengte Blick auf die reine Innenstadt ist keine zeitgemäße Frage des modernen Städtebaus, das war es mal vor 20 Jahren. Wir müssen Antworten auf wichtige Fragen finden: Wie erhalten wir die soziale Durchmischung in Berlin, wie gewinnen wir neue Wohnformen und wie gestalten wir bezahlbares Wohnen? Zur Rekonstruktion der historischen Stadt braucht man keine Bauausstellung. Dafür allein lohnt eine IBA nicht.

Michael Müller ist seit 2011 Senator für Stadtentwicklung und Umwelt. Zuvor war er Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

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