Berlin : Baustelle Bibliothek: Stabi vier Monate dicht

Amory Burchard

Die Ruhe in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße ist dahin. Während 6000 Studenten und Wissenschaftler täglich in den Lesesälen arbeiten, wird an mehreren Stellen des Hauses am Kulturforum gebaut: Im Erdgeschoss entsteht eine neue Leihstelle. Im ersten Stockwerk wird die Cafeteria vergrößert. Das Kopierzentrum zieht aus dem offenen Ostfoyer in einen separaten Raum um. Das Hämmern und Sägen kündigt allerdings nur die ganz große Pause für Stabi-Nutzer an: Wenn die Lesesäle ab Anfang Juli verkabelt und mit 120 neuen Arbeitsplätzen erweitert werden, werden die Räume für ganze vier Monate geschlossen. "Eine Katastrophe", sagen Leser, die dort seit Jahren täglich an ihren Forschungsvorhaben arbeiten.

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Etwa 3000 solcher Nutzer hat die Stabi. Mindestens drei- bis viermal pro Woche sitzen sie im Lesesaal. Sie verlieren nicht nur ihren Platz zum Arbeiten, sondern auch ihr soziales Umfeld. "Das hier ist die perfekte Bibliothek, ein riesiger Raum, in dem man gleichzeitig ruhig arbeiten kann und zusammen ist," sagt eine Politikwissenschaftlerin, die an der Potsdamer Straße "zu Hause" ist. Eine andere Leserin schätzt die disziplinierende Nähe der anderen. Die fehle einem in der einsamen Studierstube. Die Schließung sei unvermeidlich, sagt der Vertreter des Generaldirektors, Günter Baron. Damit die neuen Leseplätze und ein großer Teil der bereits bestehenden für Internet-Anschlüsse verkabelt werden können, muss der gesamte Estrichboden aufgestemmt werden. "Das macht irrsinnig viel Krach und irrsinnig viel Dreck", sagt Baron. Der Lärm mache konzentriertes Arbeiten unmöglich. Die 200 000 Bände der frei zugänglichen Handbibliotheken in den Lesesälen müssen an Ort und Stelle in Plastikfolien eingehüllt werden: Schutz vor dem feinen Betonstaub des aufgestemmten Estrichs. An der neuen Leihstelle im Erdgeschoss, die Mitte März in Betrieb genommen wird, können die Leser dann für vier Monate die benötigten Bücher mit nach Hause nehmen oder sie für die Arbeit in anderen Berliner Bibliotheken ausleihen. Am neuen elektronischen Katalogsystem, das Anfang März in der Eingangshalle eröffnet wird, können Leser auch während der Bauarbeiten recherchieren.

Außerdem bleibt das so genannte "Haus 1" der Staatsbibliothek, der Altbau Unter den Linden, geöffnet. Dorthin können die Magazinbestände aus dem geschlossenen Haus 2 in der Potsdamer Straße bestellt werden. Unter den Linden sollen zusätzliche provisorische Arbeitsplätze geschaffen werden - für wenigstens einen Teil der aus dem Westhaus vertriebenen Nutzer. Es wäre gut, wenn die leidenschaftlichen Anhänger des 1978 fertig gestellten Bibliotheksbaus sich bei dieser Gelegenheit "daran gewöhnen würden, dass es da drüben ein zweites Haus gibt", sagt Direktor Baron.

Den Lesestrom umzuleiten, wird nicht einfach werden. Die Bibliothek Unter den Linden ist dunkel und unbequem. Das historische Mutterhaus ist weit entfernt vom Mythos des Scharoun-Baus, der als wunderbarer Ort des Denkens und zwischenmenschlicher Begegnung gilt. In der Cafeteria wird die bevorstehende Schließung heiß diskutiert. "Das ist schrecklich", sagt Martha-Lucia Quiroga, eine Politologin. Sie kann sich gar nicht vorstellen, ihre Dissertation über nationalistische Bewegungen in Europa in einer anderen Bibliothek zu schreiben. Wolther von Kieseritzky, ein promovierter Historiker, wirft den Planern des Stabi-Umbaus gar vor, seine "Berufstätigkeit zu behindern". In den Handbibliotheken, die verhüllt werden sollen, befindet sich sein "Handwerkszeug": wichtige Nachschlagewerke und Dokumente zur Deutschlandpolitik. Von Kieseritzky bearbeitet die Berliner Ausgabe der Schriften Willy Brandts. Er fordert - wie auch die Benutzerinitiative der Staatsbibliothek - wenigstens die Handbibliotheken auszulagern und während der Schließung zugänglich zu machen. Stabi-Direktor Günter Baron kann nur so viel versprechen: Wenn möglich, sollen Sonderlesesäle, in denen nicht gebaut wird, für Forscher früher wieder geöffnet werden.

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