Berlin : Baustelle Mauer

An der Bernauer Straße sollen die Reste des früheren Todesstreifens gesichert werden und die dortige Gedenkstätte aufwerten

Marc Neller

Kränze, ernste Gesichter, kurze Andacht, Politikerreden, Beteuerungen, dass man die Erinnerung an jene nie verlieren dürfe, die beim Versuch, aus der DDR zu flüchten, umkamen – so sieht das Gedenkritual aus, das sich Jahr für Jahr am 13. August wiederholt – unter anderem an der Gedenkstätte Bernauer Straße. An ihr wird sich in den nächsten Wochen zeigen, was derlei Beteuerungen wert sind: Anfang September will sich der Senat mit einer Vorlage von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) befassen. Der will die Gedenkstätte aufwerten, indem er dort den Todesstreifen wieder erfahrbar macht. Eine Expertengruppe hat für ihn einen Plan ausgearbeitet. Demnach sollen die letzten Reste des ehemaligen innerstädtischen Todesstreifens längs der Bernauer Straße erhalten werden, darunter ein halber Kilometer marode Hinterlandmauer auf dem Gelände des Nordbahnhofs.

Die Stadtentwicklungsverwaltung erstellt derzeit einen Plan, welche Grundstücke dafür gekauft oder getauscht werden müssten. Mindestens zehn Millionen Euro wird das nach momentanem Stand kosten. Geld, das Berlin und der Bund aufbringen müssten. Allein Berlin müsste etwa 3,5 Millionen Euro lockermachen.

Dass diese Pläne in wenigen Monaten reiften, liegt an Alexandra Hildebrandts inzwischen geräumter Mauerinstallation am Checkpoint Charlie. Sie löste eine Debatte aus, die ein Schlaglicht darauf warf, dass die Berliner Politik seit 1989 keine Idee hatte, wie mit der Teilungsgeschichte der Stadt umzugehen sei.

Nun soll der Plan her und die Bernauer Straße einen Bedeutungswandel erfahren. Jahrelang galt sie als abgelegen, plötzlich ist sie „nur zwei Stationen vom S-Bahnhof Friedrichstraße entfernt“, wie Flierls Gedenkstättenexperte Rainer Klemke sagt. Und Historiker wie Politiker diesseits und jenseits politischer Gräben loben nun die Chancen, die diese Gegend biete. So formuliert Klemke den neuen Common Sense, wenn er sagt: „Die Bernauer Straße ist der richtige Ort für das Mauergedenken. Es gibt kaum noch authentische Stellen, an denen die Brutalität der Trennung, mitten in der Stadt, auch für kommende Generationen ablesbar ist.“

Derzeit muss man noch einiges von der historischen Bedeutung der Bernauer Straße wissen, sonst sieht man nur eine schnöde, von Unkraut überwucherte Brache und krümelnden Beton am Nordbahnhof. Diese Reste sollen nun vorsichtig restauriert werden. Eine Gedenklandschaft soll dort entstehen, mit einem Informationsportal gegenüber dem Nordbahnhof: ein schlichter Pavillon, in dem ein Film über den Mauerbau gezeigt wird. Von dort aus könnten Informationstafeln durch die angrenzenden Gebiete führen, wo Denkmalschützer Grenzdetails wie Zäune und Barrieren gesichert haben.

Pfarrer Manfred Fischer ist hocherfreut über den Sinneswandel. Seit Jahren setzt er sich für den Gedenkort ein. Jetzt gehört er der „Mauer AG“ an – der Expertengruppe, die Flierl die Vorschläge zur Bernauer Straße unterbreitet hat. Manfred Wilke, ein Kollege Fischers, SED-Forscher und CDU-Mitglied, lobt: „Das Neue ist, dass die Debatten sehr offen geführt werden. Es gibt keine Fronten, sondern ein gemeinsames Ringen um das beste Konzept.“ Nicht unbedingt das beste Konzept sei es, einen Teil der Hinterlandmauer am Nordbahnhof wegen eines Fußballplatzes abzureißen. Das will sein Parteifreund, Mittes Bürgermeister Joachim Zeller. Noch ist nicht entschieden, wie die Sache ausgeht.

Doch nicht einmal die glühendsten Befürworter glauben, dass die Pläne ohne Weiteres umzusetzen sind. Schon die Billigversion, in der für zehn Millionen Grundstücke gesichert werden sollen, werde „ eine Herausforderung“, sagt Gabriele Camphausen, Vorsitzende des Vereins Berliner Mauer. Das Land müsste die Mauergrundstücke erwerben, um deren Rückgabe die Altbesitzer ein Jahrzehnt lang vergeblich stritten. Auch Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin müsste einverstanden sein. Und das Bundesfinanzministerium, das über die „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“ etliche Mauergrundstücke verwaltet, müsste darauf verzichten oder sie gegen andere Grundstücke tauschen. Aus Eichels Ministerium hieß es kürzlich, man sei an die Haushaltsordnung gebunden. Die sieht vor, dass Grundstücke Profit abwerfen müssen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar