Berlin : Baustoffhändler verkleidete seine Feier als Demonstration

Michael Brunner

Der kleine Junge ist außer sich. "Warum haben die Männer Röcke an?" ruft er und hält sich an seiner Mutter fest. "Weil es Schotten sind", sagt die Mutter, nimmt den Kleinen auf den Arm und geht in Richtung Brandenburger Tor. Auf der Mittelinsel Unter den Linden drängen sich aufgeregte Menschen mit Videokameras und Fotoapparaten. Sie sind auf der Jagd nach Bildern von der "Ersten Deutschen Handwerker-Parade", deren Teilnehmer in blauen Schotten-Kilts und schwarzen Jacken auf dem Weg vom Schlossplatz zum Brandenburger sind und soeben an der Staatsbibliothek vorbeimarschieren. Es ist Freitagvormittag und 3000 Männer ziehen zum Klang von Pipes and Drums zum Pariser Platz. Um die 1000 Zuschauer auf den Gehwegen und der Mittelinsel begleiten den Zug.

Ganz vorn fahren mehrere Polizeiautos mit Blaulicht. Die Berliner Polizei ist dort, wo sie bei Demonstrationen hingehört: an der Spitze. Der Umzug ist bei der Behörde als Demonstration angemeldet. Es sprach nichts dagegen, sagt ein Sachbearbeiter im Landeskriminalamt. Hinter den Ordnungshütern schreiten die wenigen echten Schotten im Zug. Dudelsack-Spielen ist in Berlin offenbar genau so anstrengend wie in Edinburgh, den Pipern schwellen vor Anstrengung die Adern auf der Stirn. Auch die Männer hinter dem Musikzug tragen an diesem Tag Kilts zu grob gewirkten hellen Strümpfen. Es sind kostümierte Handwerksmeister, die aus allen Ecken Deutschlands angereist sind.

In der Mitte geht Thomas Wolf, ohne den es die ganze Veranstaltung gar nicht gäbe. Der 42-jährige Unternehmer ist Kopf und Herz der Mühl AG, eines Baustoffhandels und -dienstleisters aus Thüringen. Die Firma ist seit 1995 an der Börse und sie hat ein Erfolgsgeschichte nach amerikanischem Muster hinter sich. Vor zehn Jahren hat Thomas Wolf mit 20 hessischen und 14 thüringischen Mitarbeitern ein Joint Venture gegründet, das sich vollkommen losgelöst vom Sturzflug der deutschen Baubranche zu einem stabilen mittelständischen Unternehmen entwickelt hat. Namenspatron ist Rudolf Mühl (1900 - 1982), Gründer eines Baustoffhandels in der Nähe von Gießen und Wolfs Großvater. Derzeit beschäftigt die Mühl AG in 124 Betriebsstätten 3000 Mitarbeiter, die Hälfte davon im Ostteil. Der Jahresumsatz liegt bei 1,2 Milliarden Mark, was die Mühl AG unter die europäischen Top Ten der Branche bringt. Thomas Wolf ist nicht einfach nur "der Chef", sondern Vorstandsvorsitzender. Er denkt nach eigenen Worten international und hat inzwischen ein Büro in Shanghai eröffnet. Seine Frau kommt aus Schottland, vor ein paar Tagen ist ein Sohn geboren worden. Ihren Hauptsitz hat die Firma übrigens auf der Niederburg in der thüringischen Kleinstadt Kranichfeld.

Vom Schlossplatz bis zum Brandenburger Tor braucht der Umzug eine gute Stunde. Beim Blick auf ein paar Transparente wird klar, dass es nicht nur um eine Firmenjubliläum geht, sondern auch um Botschaften wie diese: "Der Mittelstand schafft Arbeitsplätze", "Wir alle müssen zum Handwerk zurück". Auf einem Transparent leuchtet Gereimtes: "Ehre deutsches Volk und hüte treulich deinen Handwerksstand, als das deutsche Handwerk blühte, blühte auch das deutsche Land". Zum Abschluss spielen die Schotten "Amazing Grace", und die Handwerksmeister lassen sich von ihren Frauen vor dem Brandenburger Tor fotografieren. Thomas Wolf geht zu einem Polizeiauto, bekommt ein Mikrofon in die Hand gedrückt und erklärt die Demonstration für beendet. "Wir gehen jetzt durch das Brandenburger Tor zu den Bussen", ruft Wolf, und der Klang aus den Lautsprechern weht über den Pariser Platz. So geschieht es. Doch dabei geht die Party erst richtig los. Um 15 Uhr soll im Theater des Westens ein Empfang mit 1500 Ehrengästen und dem Bundeskanzler als Festredner beginnen. Für den Abend ist der Hangar 2 im Flughafen Tempelhof für eine "Geburtstagsfeier" gemietet. "Wir kommen jetzt alle zwei Jahre, es wird wie bei der Love-Parade", sagt Thomas Wolf.

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