Berlin : Bayerische Verhältnisse

Hans-Christian Ströbele räumte im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez ab. Solche Ergebnisse erzielt sonst nur die CSU in der tiefschwarzen Provinz

Sigrid Kneist

Das kommt wahrscheinlich eher selten vor, dass sich Hans-Christian Ströbele mit einem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden vergleicht. Aber gestern, einen Tag nach seinem phänomenalen Sieg in Friedrichshain-Kreuzberg, wo er mit 43,2 Prozent sein Direktmandat für den Bundestag verteidigt hat und den SPD-Kandidaten Ahmet Iyidirli mit unmöglich geglaubten 22,4 Prozent oder 36312 Stimmen Vorsprung auf den zweiten Platz verwies, muss der Hinweis erlaubt sein: „Auf dieses Ergebnis wäre auch Edmund Stoiber stolz.“ Dieses Ergebnis, das sind in dem Fall die 53,7 Prozent, die er allein in Kreuzberg geholt hat.

Seine Spitzenwerte dort erreichte der 66-jährige Grüne, der auch bei der Pressekonferenz im Reichstag nicht auf sein Wahlkampfzeichen, den roten Schal, verzichten will, im Gebiet rund um Bergmannstraße und Mehringdamm. Hier machten sogar 60,2 Prozent der Wähler ihr Kreuzchen bei Ströbele, dem altlinken Rechtsanwalt mit dem markanten, längst weiß-grauen Haarschopf und den leuchtend blauen Augen. Der Bergmannstraßenkiez stimmte ab wie sonst nur ein bayerischer Landkreis, etwa der Starnberger See – nur mit grünem Vorzeichen.

Das Grüne, das passt schon gut in die Gegend. Ströbele legt Wert darauf, dass er nicht nur von Szenemenschen gewählt wird, sondern von „Schichten, die ganz einfach grün wählen“. In diesem Kiez wohnen eben Familien, die bewusst im Multi-Kulti-Kreuzberg leben. Die das Ambiente der Bergmannstraße mit vielen individuellen, auch schickeren Läden genießen. Die sich in der elegant gestylten Bar Nou zum Cocktail treffen, am Samstag mit ihren Kindern über den Bio-Markt auf dem Chamissoplatz schlendern. Oder am Stand des Neuland Fleischers in der Marheineke-Markthalle in langen Schlangen warten, weil sie kein Fleisch aus Massentierhaltung essen wollen und dafür einige Euro mehr ausgeben können.

Bei den Wählern, die Ströbele „die Szene“ nennt, kam er aber auch gut an. Bei der Szene etwa am Boxhagener Platz in Friedrichshain; in diesem Kiez fuhr er immerhin 47,5 Prozent ein. Da an diesem Tag Vergleiche so schön sind: „Darauf wäre auch die Linkspartei stolz gewesen, wenn sie jemals seit 1990 ein solches Ergebnis erzielt hätte.“ Richtig mickrig nehmen sich dagegen die 30 Prozent aus, die Ströbele immerhin im Neubaugebiet um den Platz der Vereinten Nationen (ebenfalls Friedrichshain) erzielen konnte. In Steglitz-Zehlendorf etwa erzielte der dortige Sieger im Gesamtdurchschnitt nur wenig mehr Stimmen, nämlich 32 Prozent, um sein Mandat zu holen.

Wie hat Ströbele den Erfolg geschafft? Richtig erklären kann er sich das nicht. Nur: „Meine Wähler wissen, dass ich zu den Positionen stehe, die ich vor den Wahlen vertreten habe“, sagt Ströbele. Dazu gehört auch, dass er linke Politik machen will. „Es gibt in Deutschland eine linke Mehrheit“, sagt er. Auch wenn eine rot-rot-grüne Koalition aus verschiedenen Animositäten derzeit nicht möglich sei, müsse man auf dieser Basis „mittelfristig eine Regierungsbildung angehen“. Was immer auch mittelfristig heißt. Keine Chancen gibt Ströbele einer Ampel-Koalition, rot-gelb-grün. Die Programme von FDP und Grünen gingen diametral auseinander. Gleiches gilt für die schwarz-grün-gelbe Koalition, neudeutsch Jamaika-Koalition genannt. Schon wieder fällt Ströbele ein Vergleich ein: „Die Jamaika-Koalition wäre für die Grünen das Bermuda-Dreieck, in dem sie sehr schnell untergehen würden.“

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