Berlin : BBI-Routenplanung nicht auf der Höhe der Zeit

Flugsicherung soll für ihr Konzept veraltete Karten benutzt und Neubaugebiete übersehen haben

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War alles einfach nur ein Irrtum? Beim Erarbeiten ihrer Vorschläge für die künftigen Flugrouten von und zum neuen Flughafen in Schönefeld hat die Flugsicherung nach Tagesspiegel-Informationen offenbar doch zum Teil auf veraltetes Kartenmaterial zurückgegriffen, was der Sprecher der Flugsicherung, Axel Raab, allerdings dementiert. Ziel der Flugsicherung war es, möglichst viele Menschen vom extremen Lärm beim Start zu entlasten. Nach Angaben von Experten wird beim Vorschlag der Flugsicherung aber auch dieser Krach am Himmel nur verlagert – und insgesamt werden mehr Berliner und Brandenburger belastet. Wie berichtet, wurden bald nach Bekanntwerden des Konzepts Vorwürfe laut, wonach der Planung unaktuelle Karten zugrunde liegen.

Die Flugsicherung meinte es gut und wollte die Startrouten an Blankenfelde-Mahlow vorbeiführen, die nach den Plänen aus dem Genehmigungsverfahren für den Flughafenbau in einer Höhe von lediglich etwa 600 Metern überflogen werden sollten. Dabei konnten die Planer auch auf die international gültige Vorgabe zurückgreifen, wonach bei einem gleichzeitigen Start von Maschinen auf beiden Bahnen die Flugzeuge nach dem Abheben um mindestens 15 Grad voneinander abdrehen müssen, um sich nicht gegenseitig zu gefährden. Die Flugsicherung hat den Abdrehwinkel auf mehr als 30 Grad erweitert, um Blankenfelde-Mahlow im Norden und Süden beim Start umkurven zu können.

Im südlichen Bereich geht diese Rechnung auch auf; die Maschinen fliegen in der Regel über unbewohnte Gebiete. Im Norden der Kommune würden dagegen jetzt Neubaugebiete überflogen, die dort in der Annahme entstanden sind, vom Flugverkehr verschont zu werden. Damit gebe es zwar im Zentrum weniger Lärm, als bisher vorgesehen war, argumentieren Experten, doch dafür müssten nun die Bewohner im Norden den extremen Krach beim Start ertragen. Besonders betroffen sind auch die Bewohner im südlichen Teil von Lichtenrade. Und auch Kleinmachnow, Teltow, Stahnsdorf sowie Wannsee müssen durch das starke Abknicken der Routen mit erheblichem Lärm rechnen.

Diese Folgen hat die Flugsicherung nach Ansicht von Insidern nicht berücksichtigt, weil ihre Berechnungen auf veraltetem Kartenmaterial basierten. Im Computerprogramm, das auch die Lärmbelastung simuliert habe, seien immer die neuesten Daten eingegeben worden, entgegnet Raab. Gerechnet wurde bei der Flugsicherung in Bremen, die auch die Flugrouten im Berliner Raum kontrolliert. Die Flugsicherung werde aber auch andere Vorschläge prüfen, sagte Raab. Ihr bisheriges Konzept sei nur ein erster Entwurf, der nun zunächst in der Lärmschutzkommission diskutiert werde. Auch das Umweltbundesamt wird noch angehört. Die Routen legt dann das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung endgültig fest. Klagen dagegen sind möglich.

Eine Alternative zu dem bisherigen Vorschlag ist nach Ansicht von Experten, dass die Flugzeuge beim Start von der nördlichen Startbahn Richtung Westen weiter – wie im Genehmigungsverfahren angenommen war – geradeaus fliegen und damit das Gebiet im Süden Berlins nicht mehr tangieren. Die von der südlichen Startbahn abhebenden Maschinen könnten dagegen wie jetzt von der Flugsicherung geplant um mindestens 15 Grad abdrehen. Die internationalen Vorgaben wären auch dann erfüllt.

Den vollen Krach beim Start bekämen dann aber wieder die Bewohner im Zentrum von Blankenfelde-Mahlow ab, deren Häuser und Gärten beim Landen ohnehin überflogen werden. Beim Landen gilt die 15-Grad-Abweichung nicht; hier müssen die Flugzeuge schon mindestens rund 18 Kilometer vor der Landebahn geradeaus auf diese zufliegen, um von den Instrumenten erfasst werden zu können. Andere Landeverfahren werden derzeit erst erprobt.

Der Staatssekretär im Infrastrukturministerium von Brandenburg, Rainer Bretschneider, forderte jetzt dazu auf, bei allen Varianten die exakte Zahl der Lärmbetroffenen zu ermitteln, um sich dann entscheiden zu können. Für den Vorsitzenden der Schönefelder Lärmschutzkommission, Bernd Habermann, ist dabei klar: Sollten die Routen doch übers Zentrum von Blankenfelde-Mahlow geführt werden, müssten die Bewohner umgesiedelt werden, immerhin sind das rund 20 000 Menschen.

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