Berlin : BDI-Präsident Jürgen Thumann

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Ein großer Herr, 1,91 Meter, und eine große Aufgabe in Berlin. Gut drei Tage pro Woche arbeitet der erfolgreiche Unternehmer mit der hohen Stirn und den klugen Augen an der Verbandsspitze für die Deutsche Industrie, effektiv, aber leiser als seine Vorgänger Michael Rogowski und Olaf Henkel. Er hört zu und argumentiert gut informiert und angenehm sachlich. Sein Büro und seine 100 Mitarbeiter hat er im Haus der Wirtschaft, sein Quartier ist das Adlon. Dort frühstücken wir mit Blick auf das Brandenburger Tor.

Ein Frühaufsteher sei er nicht, erzählt er, eher ein Morgenmuffel, aber er hat früh Verantwortung für das väterliche Stahl-Handelsunternehmen in Schwelm/Westfalen übernehmen müssen. Sein Vater starb am Herzinfarkt als er gerade 19 Jahre alt war und eben seine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann in Düsseldorf abgeschlossen hatte. Das war 1960. Aufgewachsen war er in einem typischen „nachkriegsgeprägten Unternehmerhaushalt“ in einem bescheidenen bergischen Schieferhaus. Von Jahr zu Jahr ging es irgendwie immer besser. Seit dem Start als selbstständiger Unternehmer hat sich das Familienunternehmen mit seinerzeit 100 Mitarbeitern auch durch Aufkauf von Wettbewerbern und Fusion mit der mütterlichen Firma Heitkamp prächtig entwickelt. Heute setzt die Gruppe mit 2500 Mitarbeitern an 17 Standorten rund um den Globus mit seinen Metalle und Kunststoffe verarbeitenden Betrieben 370 Millionen Euro um.

In diesen Tagen kann er ein neues Werk in Shanghai eröffnen. Die operative Führung hat er allerdings seit 1998 in die Hände von vier Geschäftsführern gelegt. Dieses Vierergespann führt er als Vorsitzender des strategischen Lenkungsausschusses aber immer noch einfühlsam und doch bestimmt, so wie die von ihm so geliebten Viererzüge. Pferde sind seine lebenslange Leidenschaft. Aus seinem Berufsweg erinnert sich der langjährige Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung gerne an die 15 Jahre „Doppelleben“ in Ohio und Connecticut und sein Haus dort. Zwölf Tage im Monat war er drüben.

Für den Industriestandort Deutschland sieht der Präsident des BDI als Chance der großen Koalition, die notwendigen Reformen endlich auf den Weg zu bringen. An vorderster Stelle steht für ihn die Deregulierung der Arbeitsmärkte und die Senkung der Lohnnebenkosten. „Trotz bester Geschäftslage stellen die Leute einfach nicht ein, sondern weichen alle ins Ausland aus“, sagt er voller Sorge. Aber er bleibt optimistisch, dass das Notwendige getan wird.

Seine erwachsenen Töchter hat er beide eine Banklehre machen lassen. „Mit Geld umgehen lernen“ hält er für eine ganz wichtige Erfahrung. Er selber hat im Laufe seines Lebens auch mal „mit dem Rücken zur Wand gestanden“ und heftige Krisen gemeistert – aber immer bedachtsam und mit ruhiger Hand – wie beim Führen der Viererzüge.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Jürgen R. Thumann (64), Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Vorsitzender des strategischen Lenkungsausschusses der Heitkamp &

Thumann KG.

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