Berlin : Bé Ruys (Geb. 1917)

Es wäre ihr auch nie eingefallen, in den Osten überzusiedeln

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Nach diesem Krieg wird sich alles ändern. Nach so viel Hass und Gewalt, nach Auschwitz. Da kann die Welt nicht bleiben, wie sie war und die Kirchen auch nicht mit ihrem unsinnigen Streit um den wahren Glauben.

Amalie Elisabeth Ruys, von allen Bé genannt, ist 28 Jahre alt, der Krieg ist zu Ende, die Alliierten haben Holland von den Nazis befreit. Bé Ruys ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Arnhem aufgewachsen und hat in Amsterdam Theologie studiert. Während der Besetzung hat sie zusammen mit ihrer Mutter Juden versteckt. Sie hat Verwandte und Freunde verloren, auch ihr Verlobter ist tot. „Freude und Leid sind so ineinander verwoben, dass man sie gar nicht auseinanderhalten kann“, beschreibt sie ihr Lebensgefühl 1945. So weit soll es nicht noch einmal kommen. Die junge Frau will die Welt verändern – und beginnt mit den Jugendlichen. Sie versucht, sie zu weltoffenen Menschen zu erziehen, die Vertrauen suchen statt den Kampf.

So wie Bé Ruys denken nach dem Krieg viele andere junge Leute in den evangelischen Kirchen in Europa. Sie treffen sich regelmäßig in der Schweiz. Als Anerkennung ihrer Kirche für ihre gute Jugendarbeit darf auch Bé eine Fortbildung am Genfer See besuchen. In ihrem Kurs sind Tschechen, Amerikaner, Franzosen und ein paar Deutsche. Sie erzählen sich, wie sie den Krieg erlebt haben, lesen in der Bibel und analysieren die politische Lage. Zum ersten Mal ist es egal, ob einer katholisch ist oder welche Sorte evangelisch. Das beeindruckt Bé.

Sie teilt sich das Zimmer mit einer Berlinerin. Diese hatte sich im Krieg der Bekennenden Kirche angeschlossen, deren Pfarrer gegen die Nazis predigten. Bé ist fasziniert: Die Deutschen sind nicht allesamt Nazis! Und hatte nicht auch ihr früh verstorbener Vater, er war Pastor, viel von den Deutschen gehalten, von ihren Philosophen und Theologen?

1948 gründeten 147 Kirchen unterschiedlicher Konfessionen in Amsterdam den Weltkirchenrat. Bé ist dabei. Sie verteilt Dokumente auf der Versammlung, reicht den Gästen Kopfhörer und hört genau zu, was die Redner zu sagen haben. Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles will die Konferenzteilnehmer vom Kapitalismus überzeugen und vom Kampf gegen den Kommunismus. Der tschechische Theologe Josef Hromadka plädiert für einen dritten Weg der Christen zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Dulles steht für Bé für die alte Ordnung, die sie überwinden will. Ihr Herz schlägt für Hromadka. Ein Jahr später geht sie nach Berlin. Hier, wo sich erneut politische Blöcke gegenüberstehen, will sie sich auf die Suche machen nach dem dritten Weg. Sie zieht nach Lichterfelde und kümmert sich auch hier um Jugendliche.

Der niederländische Botschafter hat noch etwas anderes für sie zu tun: Sie soll die Holländer betreuen, die von den Nazis als Zwangsarbeiter hierher verschleppt wurden und geblieben sind. Die meisten leben in Ost-Berlin. Bé gründet eine niederländische Gemeinde für sie und wird als eine der ersten Frauen in der niederländischen Kirche zur Pastorin ordiniert. Sie pendelt jetzt mindestens einmal in der Woche zwischen West und Ost und ist überhaupt ständig in Bewegung. Sie gründet Gesprächskreise und Arbeitsgruppen, organisiert internationale Treffen. Immer geht es darum, Erfahrungen auszutauschen, zu vermitteln zwischen West und Ost, Etablierten und Außenseitern, Reichen und Armen. Bé spricht fließend Deutsch, Englisch und Französisch, das hilft. Auch dass sie jeden duzt, macht die Sache oft leichter. Gespräche mit ihr verlaufen allerdings selten geradlinig, sondern meist im Zickzack, denn oft kommen Gedankenblitze dazwischen. Aber immer so, dass sich alle eingebunden und irgendwie auch verstanden fühlen.

Die evangelische Kirche mietet für sie eine großzügige Villa in Dahlem. Bé bezieht darin ein kleines Zimmer. In den anderen Räumen leben wie in einer großen Wohngemeinschaft Freunde, Mitarbeiter und Gestrandete aus der ganzen Welt. Alle sind willkommen, die Haustür steht immer offen, und Bé kennt keine Trennung zwischen Arbeit und Privatem. Das Leben in der WG ersetzt ihr eine eigene Familie. „Wer in dieser Generation als Frau in der Kirche ernst genommen werden wollte, musste sich ganz und gar für den Beruf entscheiden“, sagt eine Freundin. Und wer weiß schon, ob es immer bei intellektuellen Gesprächen blieb, wenn sich Bé mit einem Gast auf ihr Zimmer zurückzog und bis spät in die Nacht Licht brannte? Fest steht: Einen Mann an ihrer Seite gab es nicht, und das Thema war selbst mit engen Vertrauten tabu. Lediglich von einem Verlobten war hin und wieder die Rede. Von dem einen, der im Krieg umgekommen war.

Bé fragt niemanden, ob er an Gott glaubt. Wichtiger ist, dass die Besucher vom Weltfrieden träumen und von der Ökumene überzeugt sind. Und vielleicht, dass sie gewisse Sympathien für den Sozialismus und Kommunismus mitbringen – auch nach dem Mauerbau. Während sich die Protestanten im Westen als „Brüder und Schwestern“ begegnen, sind die ostdeutschen Geschwister für viele im Westen Objekte der Fürsorge. Bé findet das „abscheulich“. Die DDR ist für sie kein Stiefkind, sondern ein vollwertiges Familienmitglied. Sie ist zu Ost- und Westdeutschen gleichermaßen herzlich und offen. Das ist nicht selbstverständlich in den fünfziger und sechziger Jahren. Im Gegenteil: Es ist verdächtig.

In den Niederlanden finden es viele merkwürdig, dass Bé die ehemaligen Landsleute in der DDR besucht. Denn die gelten als Vaterlandsverräter. Der Berliner Bischof Otto Dibelius schreit sie an, weil sie in ihr Dahlemer Haus Kommunisten einlädt und die Idee äußert, dass sich Walter Ulbricht doch mal mit dem Generalsekretär des Weltkirchenrates treffen könnte. „Ja, ein kleines Stück vom schönen, reichen Dahlem ist nun links“, kommentiert sie die Auseinandersetzung mit Dibelius – und macht weiter.

Es gibt aber auch die vielen anderen, die sie bewundern. Für ihren Mut und weil sie so unbequem ist. Denn immer noch fährt sie jeden Sonntag über die Grenze und steht in Friedrichshain auf der Kanzel. Wer nicht zum Gottesdienst kommt, wird nachmittags zu Hause besucht. Uniformen, Gewehre der Grenzer? Machen ihr keine Angst. Vielleicht ist aber nicht alles Mut, was danach aussieht. Bé ist mit Klaus Gysi gut bekannt, dem Vater von Gregor Gysi, der in der DDR Staatssekretär für Kirchenfragen ist. Die Bekanntschaft dürfte manches erleichtert haben.

Ende der Sechziger steht sie auf der Seite der Studenten. Als Benno Ohnesorg in Zehlendorf beerdigt wird, ist sie dabei. Als Gudrun Ensslin verhaftet wird, schreibt sie den Eltern einen Brief und bekundet ihr Beileid. Für die Trauerfeier für Ulrike Meinhof schmiert sie die Schnittchen – nein, wahrscheinlich kümmert sie sich darum, dass Helferinnen schmieren. Einen gewissen großbürgerlichen Habitus – sie stammt aus einer bekannten Reederei-Familie – hat sie nie abgelegt. Es wäre ihr auch nie eingefallen, in den Osten überzusiedeln.

Was nicht gut läuft im Osten, kann sie vom Westen aus ganz gut ausblenden. Es ist ihre Stärke, dass sie unermüdlich Brücken baut zwischen West und Ost. Es ist zugleich auch eine Schwäche: Sie wird ein wenig blind auf dem linken Auge. Nach dem Mauerfall wird klar, wie viele Kompromisse sie machen musste. In ihrer Stasi-Akte wird sie als „IM Tulpe“ geführt. Sie habe mit den Herren doch nur über die Ökumene geplaudert und auch nur das preisgegeben, was eh bekannt gewesen sei, sagt sie. Es meldet sich nie jemand und wirft ihr persönlich vor, ihn verraten zu haben. Und doch sind manche enttäuscht von ihr. Freundschaften bekommen Risse – allerdings weniger wegen der IM-Akte, sondern weil Bé schwer Fehler eingestehen kann. Immer sind die anderen schuld.

Aber auch das ist lange her und längst verziehen. An ihrem 96. Geburtstag versammeln sich noch einmal die alten Freunde um sie. Sie legen eine CD ein und hören zu, wie Bé 1989 im Radio der DDR gesprochen hat: Voller Energie, von sich und ihrem Weg überzeugt und mit wohlklingender, sonorer Stimme, die wie gemacht ist fürs Radio. Eine Stunde lang erzählt sie mit leicht holländischem Akzent über ihr Leben, das fast das ganze Jahrhundert umspannte und trotz der Herkunft so deutsch war.

Sie sitzen da und hören der viel jüngeren, damals auch schon 72-jährigen Bé zu. Wie viel sie jetzt, mit ihren 96 Jahren davon noch mitbekommt, wissen die Freunde nicht. Die Demenz hat Bé in Besitz genommen. Sie sitzt da und lächelt.

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