Berlin : Beate Metz (Geb. 1959)

Sie war vom „Kleingetier“ angetan, den Asteroiden.

Gregor Eisenhauer

Ein Sonntagsspaziergang im August. Durch Steglitz, vorbei am Botanischen Garten, der Domäne Dahlem, ein ausgiebiger Spaziergang an der Seite ihres Gefährten, mit dem sie seit 25 Jahren zusammenlebte. Sie liebte Bäume, sie liebte es, durch den Wald zu streifen – oder früh am Morgen auf ihren Balkon zu treten, die Invasion der Insekten zu bestaunen, Rittersporn und Eisenhut zu pflanzen, ihre Feenblumen.

Er hat an diesem Sonntag noch bis spät in die Nacht gearbeitet, sie schlief früh ein. Als er sie am nächsten Morgen in ihrem Zimmer wecken wollte, ein wenig später als sonst, lag sie tot im Bett. Lungenembolie. Einfach so, ohne Vorwarnung, war sie gegangen.

Melusine war eine der Heldinnen ihres Studiums, der Wassergeist in Menschengestalt, der unvermittelt geht, wenn er glaubt, dass neue Aufgaben auf ihn warten. Beate war da nicht anders. Sie hatte zunächst Fremdsprachenkorrespondentin gelernt, aber dann schnell festgestellt, dass ihr die Arbeit im Büro ganz und gar nicht passte. Das anschließende Studium der Germanistik und Publizistik lag ihr schon eher, sie schrieb gut und schnell, „Maschinengewehr Gottes“ nannte jemand sie während ihres Praktikums im Kirchenfunk, aber das akademische Imponiergehabe, der seelenlose Kathederstil waren ihr zuwider. Sie wurde krank, schwer krank. 1989, im Jahr des Mauerfalls, als alle jubelten, rang sie mit dem Tod. Ihre Wende: die Astrologie. Zwei Jahre studierte sie am Astrologiezentrum Berlin. Von da an sah sie sich als Fährtenleserin der Sterne, arbeitete als Übersetzerin für astrologische Literatur und Dolmetscherin der Himmelshieroglyphen.

Die eigene Sprache finden, Worte jenseits des Zwangsumtauschs der Alltagsfloskeln neu, sinnvoll ordnen. Denn letztlich sind es doch nur wenige Fragen, die wirklich interessieren: Wie finden wir uns selbst, wie finden wir zu anderen, und wann begreifen wir, dass alles mit allem zusammenhängt?

An dem großen Mobile des Sternenhimmels hatte es ihr vor allem das „Kleingetier“ angetan, die Asteroiden. 457 566 zählen die Astronomen, Millionen gibt es, sie wählte Ceres, Pallas, Juno, Vesta. „Ceres: die Fähigkeit, mich und andere zu nähren, bedingungslos zu lieben. Pallas: erkennt, handelt strategisch weise. Vesta: unabhängig, mit sich selbst eins sein; die schöpferische Energie hingebungsvoll einsetzen. Juno: Prinzip der Bindung und des Teilens.“

In der Sprache der Astrologie steht jeder Planet für Themen, die ins Bewusstsein integriert werden wollen. Und so erstellte sie auch ihre Horoskope. Sie gab keine Handlungsanweisungen, sondern half zur Selbsterkenntnis, die Spur in der Wildnis des Ichs auffinden, den roten Faden. Beate bevormundete nicht, ließ andere zu Wort kommen, ohne ihnen den Text zu soufflieren.

Sie selbst war Skorpion, ein sehr typischer, würden ihre Kollegen sagen, aber diese dunkle, tiefgründige Seite ihres Wesens ließ Beate, vom Namen her: die Glückliche, nur selten ahnen.

Seit 2001 fand sich auf ihrer Internetseite die Sparte „Fährten lesen“: Jeden Montag gab sie eine Deutung der wöchentlichen „Zeitqualität“, präsentierte in anderen Rubriken Fotos, Buchempfehlungen, horoskopische Biografien, Filmtipps und andere sachdienliche Hinweise für eine bessere Welt.

Wenn jemand darüber Spott gewagt hätte, dann würde sie ihn wohl streng angesehen haben – und mit dem einen oder anderen Ohr gewackelt haben. Sie konnte aber auch mit beiden gleichzeitig wackeln. Nichts tat sie lieber als lachen, Grimassen schneiden und anderen ihre Liebe zeigen.

Ob sie ihren Tod geahnt hat? Die letzten Bilder, die sie auf ihre Website pallas-athena.de stellte, waren ein Kopfüberbild „Perspektive wechseln“ und ein Lichttunnel, untertitelt: „Um die Ecke biegen …“ Gregor Eisenhauer

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