Berlin : Beate Wedekind: Die Grenzen von Power und Kraft ausloten

Elisabeth Binder

Das vielleicht Auffälligste an Beate Wedekind ist ihre Stressresistenz. Kurz vor Beginn einer großen Galaveranstaltung, umringt von sich sehr wichtig vorkommenden Persönlichkeiten, die alle noch Sonderwünsche haben, steht sie ruhig da, und arbeitet sich mit einer hoher Konzentration durch Papierstapel und aufgeregte Wortsalven: eine Frau, die schon chaotischere Zustände erlebt hat. Eine Frau, die sich durchsetzen kann und das auch sehr genau weiß.

Da sie eigentlich immer die Jüngste war, musste sie das früh lernen: mit 16 in der Lehre zur Bankkauffrau, mit 34, als sie "Elle" aufbaute und dann Chefredakteurin des Hochglanzmagazins wurde. Und nun wird sie bald 50 und muss sich mit dem Gedanken anfreunden, "ein normales Alter" zu haben. Ihrem Adrenalinbedarf tut das offensichtlich keinen Abbruch. Ihrer Ruhe auch nicht. Beate Wedekind ist inzwischen eine Frau mit vielen Berufen; für einen fehlt ihr noch ein guter Name: sie organisiert und produziert Glamour-Veranstaltungen, wie zum Beispiel die in der kommenden Woche anstehende Verleihung der Goldenen Kamera. Das Wort Event-Managerin ist ihr eigentlich zu platt. Glamour-Produzentin? Party-Designerin? Ereignis-Kreateurin? Die beruflichen Anfänge waren unspektakulärer. Bankkauffrau und Sekretärin lernte sie einst, weil der Vater wollte, dass sie "etwas Ordentliches" wird. Als Stewardess bei Condor entwickelte sie ihre Leidenschaft fürs Reisen, die sie zeitweise auch als Entwicklungshelferin in Afrika auslebte.

Mit 29 wurde Beate Wedekind selbst Reporterin mit dem Schwerpunkt Gesellschaft. Sie begann hier in Berlin beim "Abend", ging dann nach München, wo sie als Lifestyle-Kolumnistin bei der "Bunten" begann und rasch in die Chefetagen aufstieg. Als Chefredakteurin versuchte sie, aus der Zeitschrift "Bunte" ein anspruchsvolles Magazin zu machen, das auf einem komplexen Gesellschaftsbegriff basiert, musste aber irgendwann einsehen, dass Klatsch sich offenbar besser verkauft. Mit "Gala" versuchte sie kurz, ihrem alten Blatt zu zeigen, was eine Harke ist, aber "das war die falsche Motivation für so ein Projekt", sagt sie heute.

Es waren immer schwierige Objekte, die sie geleitet hat, immer war eine Form von Krisenmanagement involviert. "Eigentlich ungerecht", sagt sie und lacht. Ob ihr das wirklich gut getan hätte, eine Weile ein eingeführtes Blatt mit hoher Auflage durch ruhiges Fahrwasser zu lenken? Aus den turbulenten Zeiten stammt ihre in einer teamorientierten Management-Welt umstrittene Ansicht, dass Chefs autoritär sein müssen. Die FAZ bescheinigte ihr einst einen "beispiellosen Machtinstinkt" und nannte sie "ein Wunder an Willensstärke".

Muße für die klassischen weiblichen Tugenden gab es in Beate Wedekinds Leben kaum. Die 16-bis-18-Stunden-Jobs im Journalismus füllten die Jahre zwischen 29 und 42 so aus, dass sie nie darauf kam, eine Familie zu gründen. Jetzt ist sie fast 50, und es ist ein bisschen spät für eine Familie konventionellen Zuschnitts. Bevor sie Journalistin wurde, kannte sie eigentlich keinen besonderen Ehrgeiz, aber dann packte er sie mit Macht. Als sie aufhörte, als Journalistin zu arbeiten, war sie reif für die neuen Berufe. Sie ging nach Ibiza und schrieb eine Art Society-Krimi, "Um jeden Preis", der unterhaltsam nach dem Vorbild amerikanischer Bestseller ist. Wenn sie "Trash-Literatur" sagt, ist das vielleicht ein bisschen ungerecht gegenüber sich selbst, vielleicht auch nur kokett, (was ihr nicht stehen würde). Ihr Dank an die Persönlichkeiten, "die meine Sicht der Dinge beeinflusst haben", ähnelt einem Jet-Set-"Who is Who", vom Aga Khan bis zur Prinzessin von Wales sind alle dabei. Dass sie am Flughafen neuerdings schon mal selbst um Autogramme gebeten wird, freut sie durchaus. "Jetzt", sagt sie mit einem für ihre Verhältnisse nahezu strahlenden Lächeln, "wird das Buch bald verfilmt." Ein weiteres ist schon in Arbeit, um es zu beenden, wird sie sich demnächst für eine Weile nach Ibiza zurückziehen.

Das ruhige Landleben ist ein gutes Kontrastprogramm zum anstrengendsten ihrer derzeitigen Berufe, den wir nun einfach mal Event-Produzentin nennen. Dabei arbeitet sie mit bis zu sieben Subunternehmern zusammen: Ein möglichst origineller und schöner Ort, Catering, Hostessen, Sicherheit - das alles will koordiniert werden. Eine große Veranstaltung zu organisieren, ist ein echter Management-Job; bei manchen Ereignissen sind 600 bis 700 Leute im Arbeitseinsatz. Je leichter und fröhlicher die Stimmung, desto härter wird hinter den Kulissen geschuftet. Guter Schlaf ist danach garantiert. Den fördert auch die Tatsache, dass sie ihre Prinzipien hat. Geschäftseröffnungen würde sie nicht machen, weil sie sich nicht vorstellen kann, warum man da hingehen sollte: "Ich fände es besser, wenn ein neuer Laden in den ersten vier Wochen seine Kunden mit schönen Angeboten lockt."

Einen Teil ihrer Arbeitskraft wollte sie unbedingt etwas sehr Wertvollem widmen, einer Sache, die Zeiten und Trends überdauert. Das war der eigentliche Grund, warum sie zurück nach Berlin kam. Hier eröffnete sie die Galerie Picture Show, ein Projekt, das ihr Perspektiven für die Zukunft gibt, eine intellektuelle Herausforderung und ein weiterer Meilenstein auf einem langen Weg, der hauptsächlich geprägt ist von der Frage "Wie viel kann man geben, wie viel aus sich herausholen? Wo sind die Grenzen von Power und Kraft." Die Beschäftigung mit Kunst wird ihr noch Spaß machen, wenn sie auch das "normale Alter" überschritten hat. Die Frage, wie das Leben mit 70 sein wird, kann eine Frau ohne Familie schon gelegentlich beschäftigen. Bis dahin will sie auf jeden Fall ein weiteres Versäumnis der frühen Jahre aufholen. "Ich werde die große Liebe noch kennen lernen, die mir bislang nicht begegnet ist", daran glaubt sie fest. Natürlich hat es Beziehungen gegeben, auch Affären, die in Freundschaften übergingen. Aber die ultimative Passion, die fehlte.

Gesellschaft, im Sinne der veröffentlichten, in Hochglanzmagazinen abgebildeten, immer gleichen Society-Gesellschaft war schon mit Anfang 40 ihre Sache nicht mehr. Zu oberflächlich. Ihrem gewandelten Gesellschaftsverständnis entspricht Berlin perfekt. Sie ist fasziniert "von der Kraft einer Stadt, die aus vielen verschiedenen Gesellschaften besteht". Zu ihrem neuen Konzept von Gesellschaft gehören "Zehlendorfer Ärzte ebenso wie Wissenschaftler, die sich mit spannenden Forschungsvorhaben befassen". Aber auch Leute, "die etwas für eine Stadt tun, wie Erich Marx und Atze Brauner" machen ihr Eindruck. Früher fand sie es unterhaltsam, so eine bunte Gesellschaft zu formen, die dann in den Augen der Allgemeinheit die Prominenz gab. Auch das war eine Frage der Macht, die sie bewusst genossen hat. Die ewige Frage zum Beispiel: Gehören Friseure dazu? Ihre Antwort: Ja, wenn sie eine eigene Persönlichkeit haben, nein, wenn sie nur eine gute PR-Agentur beschäftigen." Zu den großen Vorteilen Berlins gegenüber München zählt für sie die Tatsache, dass Kleidung hier nicht so wichtig genommen wird als Statussignal, als Zeichen, wo man steht in der gesellschaftlichen Hierarchie.

Entscheidender als Äußerlichkeiten, sind ohnehin Persönlichkeit und Kommunikationsfähigkeit. Jetzt spricht wieder die Event-Managerin. Ganz wichtig an den Gästen einer Party ist ihr zum Beispiel, dass sie etwas von sich geben. "To work a room", das war immer ihr Leitmotiv, pro Abend mit zehn Menschen sprechen, die sie noch nicht kennt, oder mit denen sie schon lange mal wieder sprechen wollte. "Sonst kann man ja auch zu Hause bleiben." Was sie oft irritiert: Wenn sie auf einer Vernissage Menschen miteinander bekannt macht, können viele damit gar nicht umgehen. Anstatt über eine kleine Small-Talk-Brücke zueinander zu kommen und ein echtes Gespräch zu entwickeln, trennen sie sich meist nach anderthalb Minuten wieder. Das Verantwortungsgefühl für den Erfolg einer Gesellschaft erwartet sie eigentlich von allen Gästen; sie sollen sich mit ihrer Persönlichkeit und ihren Talenten einbringen: "Das allein macht den Erfolg aus, nicht die Dekos, nicht die Location, nicht Getränke und Häppchen." Hinzu kommen Gefühle, die vereinen. Von allen denkbaren Partys liebt die ledige Karrierefrau Hochzeiten am allermeisten, "weil sie so positive Emotionen haben, und weil eben auch Emotionen wichtig sind für das Gelingen einer Veranstaltung".

Beate Wedekind ist viel zu erfahren, um sich Illusionen darüber hinzugeben, dass man die wirklich wichtigen Leute nicht beim Presseball trifft und auch nicht bei einer Glitzer-Party oder gar einer Geschäftseröffnung: "Warum sollten die da hingehen?" Bei einer Vernissage für Eingeweihte, da sieht man sie vielleicht, zurückhaltend, eher unauffällig. Sie würden niemals drängeln oder sich in Wortsalven ergehen. Warum auch? Und warum bleibt sie selbst eigentlich immer so ruhig, wenn es richtig hektisch wird bei einem Riesenereignis? "Ich bin merkwürdig angstfrei", sagt sie und findet das nicht nur gut. "Man neigt dann auch zu Risiken."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar