Berlin : Beats aus der Brache

Der Hip-Hop-Laden von Ben Mansour startete mit einer Lüge. Erfolg hat er trotzdem – und das in Spandau

Florian Urschel

Das Zentrum der Berliner Hip-Hop-Kultur liegt in einer umgebauten Garage am Stadtrand. Im „Wildstyle Shop“ von Ben Mansour fühlt man sich wie in einem bunten Hobbykeller. Ständig fließen Hip- Hop-Beats aus den Lautsprechern in den kleinen, mit blauem Teppich ausgelegten Raum. Glänzende Kleiderständer mit schicken Jacken stehen in der Mitte des Ladens. Der Verkaufstisch mit den Schallplatten ist aus rauen Brettern zusammengenagelt, vor der Umkleidekabine hängt eine Blümchengardine. Hunderte Sprühdosen stehen in Regalen und bedecken eine komplette Ladenwand. Dazu Anhänger, T-Shirts, Mützen. Alles, was irgendwie „Hip-Hop“ ist, kann man hier kaufen.

Mitten im tristen Haselhorster Industriegebiet schreibt der 30-jährige Ben Kulturgeschichte. Zwischen verbeulten Autowracks, wirrem Gestrüpp und rostigen Maschendrahtzäunen betreibt er hier seit zwölf Jahren den „Wildstyle Shop“, „den ersten Hip-Hop-Laden in Deutschland“, wie er sagt. Er verkauft Klamotten seiner eigenen Marke, Platten seines eigenen Labels und Sprühdosen mit von ihm gemischten Farben. Aus der ganzen Welt kommen Hip-Hopper in den Lagerweg, um Ben und seinen Laden zu besuchen. Hip-Hop-Pioniere der 80er Jahre wie Grandmaster Flash und Kurtis Blow waren in Spandau, um mit Ben zu „chillen“, zu entspannen. Afrika Bambaataa, seit 25 Jahren erfolgreicher DJ, besucht Ben einmal im Jahr.

Dabei ist der „Wildstyle Shop“ völlig ohne Plan entstanden. Der 18-jährige Hip-Hopper Ben hatte 1992 einige legale Graffiti im Auftrag von großen Firmen an Ladenwände gesprüht und wurde daraufhin zu einem Fernsehinterview eingeladen. Dort traf er die Techno-DJane Marusha. Er prahlte vor ihr mit einer tollen Geschichte: „Ich hab einen Hip-Hop-Laden, den ersten in Deutschland.“ Marusha kündigte an, dort am nächsten Tag mal vorbeischauen zu wollen. Das Problem war nur: Es gab keinen Laden. Die Geschichte war erfunden. Statt die Lüge zuzugeben, rannte Ben nach dem Interview nach Hause in den Lagerweg und verkündete seinen verdutzten Eltern: „Ich bau’ unsere Garage um.“ Die ganze Nacht über zimmerte er Regale, nagelte Latten an die Decke und tackerte Bettlaken dran als Abtrennungen. Dann stellte er seine Schallplatten und Sprühdosen auf die Regale und hängte die Sachen aus seinem Kleiderschrank in der Garage auf. Zwar kam am nächsten Tag Marusha nicht vorbei. „Aber ich hatte meinen Laden“, sagt Ben.

Kaum war das Interview gesendet, sprach es sich herum: „In Spandau gibt’s einen Hip-Hop-Laden.“ Zwar machte Ben nebenher eine Lehre zum Autolackierer. Aber sein Ziel blieb es, von seiner Leidenschaft leben zu können. Weil ihn keine Kleidungsfirma beliefern wollte – niemand glaubte an den dauerhaften Erfolg des Ladens – designte er seine Klamotten selbst. Heute hat er es geschafft. Der 30-Jährige besitzt nicht nur den „Wildstyle Shop“, sondern auch eine Modemarke und ein Plattenlabel. Er ist ein Star in der Szene und hätte genug Geld, um seinen Shop woanders aufzumachen, dort, wo mehr los ist. Aber Ben sagt: „Wenn ich meinen Laden in die Innenstadt verlegen würde, müsste ich Trends mitmachen und mich anpassen. Ich will hier weiter mein Ding machen.“

Im Haus links neben dem „Wildstyle Shop“ lebt Bens Mutter, wie vor zwölf Jahren, als die Sache mit dem Laden begann. Ben wohnt mit seiner Frau im Haus auf der anderen Seite des Ladens. Weil ihm dieses Haus gehört, konnte er dort auch ein Tonstudio bauen. Ben hat sich in Haselhorst eingerichtet. So bleibt der „Wildstyle Shop“ eine bunte Musikbox in der grauen Industriekulisse.

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