Berlin : Bebelplatz: "Das Mahnmal wird banalisiert"

Cay Dobberke

Der israelische Künstler Micha Ullman hat "nur noch eine Hoffnung" hinsichtlich seines Mahnmals am Bebelplatz, das an die Bücherverbrennung der Nazis erinnert: Vielleicht werde "in letzter Minute eine höhere Ebene" - also die Bundesregierung oder der Bundestag - Einspruch gegen den Tiefgaragenbau unter der Skulptur erheben. Ansonsten stehe die "Banalisierung" des Mahnmals bevor, sagte Ullman gestern dem Tagesspiegel. Das Bezirksamt Mitte hat die angekündigte Baugenehmigung für die rund 450 Parkplätze in zwei unterirdischen Etagen unterdessen erteilt.

Enttäuscht zeigte sich der Künstler über die Antwort von Bundespräsident Johannes Rau (SPD) auf ein Schreiben der Akademie der Künste. Rau habe "große Sympathie gezeigt, aber keine Stellungnahme abgegeben". Die Akademie der Künste sammelte 4000 Unterschriften gegen die Tiefgarage.

Zu den Kritikern gehören auch Kultursenatorin Adrienne Goehler (parteilos, für Grüne), ein Aktionsbündnis aus Humboldt-Studenten sowie Mittes Baustadträtin Dorothee Dubrau (Grüne). "Das Mahnmal mit einer Tiefgarage zu untergraben, bedeutet, es zu zerstören", urteilte gestern das Aktionsbündnis. Das Bezirksamt verteidigt die Genehmigung damit, dass man sonst rund 20 Millionen Mark Schadensersatz an den Investor zahlen müsse. Den Vertrag mit der Münchener Firma Wöhr + Bauer hatte die Verwaltung von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) geschlossen.

Ullman geht es um "Schweigen, Stille und Leere" am Ort der Büchverbrennung. Das Mahnmal namens "Bibliothek" besteht aus einem Raum mit leeren Bücherregalen, der in den Boden des Platzes eingelassen ist und durch eine Glasplatte von oben einzusehen ist. "Es soll ein Ort ohne Funktion sein - auch unten." Die Erde symbolisiere ein Grab. Die Bücherverbrennung habe ja am Anfang der Nazi-Herrschaft gestanden, die zur Tötung von Millionen Menschen führte. Die Tiefgarage werde die Skulptur aber von ihrer Bedeutung "entleeren". Sie sei "ein Symbol alltäglicher Benutzung".

Der Künstler hatte überlegt, sein Werk zurückzuziehen, sieht darin aber doch keine Lösung. "Es ist am Ende keine juristische Frage. Außerdem wäre Zerstören zu extrem." Er sei aber noch dabei, seine Möglichkeiten zu prüfen. Positiv sieht Ullman die breite Unterstützung, die ihm zuteil wurde: "Das freut mich sehr und gibt mir die Kraft, zu kämpfen." Anders als bei manchen anderen Auseinandersetzungen um Kunst gehe es "hier nicht um das Ego des Künstlers". Bei der Gestaltung des Mahnmals vor sechs Jahren habe er im Übrigen nichts von Tiefgaragenplänen gewusst. Dies werde zwar mitunter verbreitet, "aber es ist eine Lüge".

Die Investorenfirma kündigte an, das Gespräch mit Ullman zu suchen. "Es ist schade, dass er mich nie direkt angesprochen hat", sagte Geschäftsführer Wolfgang Roeck. Er sieht noch Kompromissmöglichkeiten, wollte sich dazu aber nicht näher äußern. Eine Verlagerung des Mahnmals schloss Roeck aus: "Wir tasten es nicht an." Für die Haltung des Künstlers habe er "grundsätzliches Verständnis". Allerdings habe Ullman die Planungsunterlagen schon 1999 erhalten und sei also beteiligt gewesen. Anfangs habe dieser auch keine Einwände erhoben.

Mit dem Senat will die Firma ebenfalls nochmals reden, bevor sie mit dem Bau beginnt. Einen Termin für den Start der Arbeiten nannte Roeck deshalb noch nicht. Die Kosten der Garage schätzt er auf 35 bis 40 Millionen Mark, die Bauzeit auf zwei Jahre. Währenddessen werde das Mahnmal nicht zugänglich sein, da es mitten auf der Baustelle liege. "Wir planen aber eine Dokumentation." Gedacht ist an Tafeln, die über die Bücherverbrennung und die Skulptur informieren.

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