Berlin : Beckers Bester

Sechseinhalb Millionen Zuschauer allein in Deutschland, verkauft in 70 Länder: Wer hätte das von „Good Bye, Lenin!“ gedacht? Unter den Filmkritikern kaum einer. „Nummernrevue“, „verbogen“, „zwiespältig“, „spezieller Fall von Ostalgie“, so wurde mit spitzer Feder notiert. Ein selbstironischer Rückblick auf gesammelte Irrtümer

Jan Schulz-Ojala

BERLINER KINOLEGENDEN (5): GOOD BYE, LENIN!

Über „Good Bye, Lenin!“ wissen wir alles. Glauben wir zumindest. Seit Wolfgang Beckers Wende-Tragikomödie vor gut einem Jahr ins Kino kam und gleich am ersten Wochenende mal eben eine halbe Million Deutsche, Ost wie West, begeisterte, war irgendwie alles klar: Glanzlicht. Superfilm. Welterfolg. Preise noch und noch. Oscar? Na, fast hätte es auch damit noch geklappt. Und dass diese sensible Wendegeschichte, diese mal deftige, mal zarte Witzgeschichte, diese anrührende Mutter-Sohn-Geschichte in Deutschland sechseinhalb Millionen Zuschauer machen würde und ihren Weg durch 70 Länder der Erde – auch das erscheint uns sowas von logisch, aus heutiger Perspektive.

Andererseits: Dass der Film damals bei der Berlinale-Jury leer ausging, wenn man mal absieht vom „Blauen Engel“ (dotiert, wie süß, mit 25000 Euro), haben wir gut vergessen. Noch besser vergessen haben wir Filmkritiker das, was wir damals so geschrieben haben, als „Good Bye, Lenin!“ auf der Berlinale uraufgeführt wurde, ein paar Tage vor dem triumphalen Kinostart. Seien wir ehrlich: Weil’s peinlich ist. Was haben wir doch daneben gelegen, jedenfalls die meisten von uns. Was haben wir klug rumgekrittelt, aber das Riesen-Potenzial des Filmes nicht erkannt. Trostpflaster: Das hatte damals in der Kinobranche fast keiner.

Also einmal ausnahmsweise hinab ins Selbsterforschungslabor, tragen wir todesmutig unser schmales Scherflein zur Filmrezeptionswissenschaft bei! Und damit’s richtig wehtut: streng chronologisch. Angefangen hatte, wie immer, der „Spiegel“. Und lag, wie meistens, ziemlich gut. Der „zärtlich-skurrilen Widerrede gegen den zermalmenden Lauf der historischen Dinge“, als die er den Film nachhaltig treffend deutete, sagte er am 3. Februar einen „herausragenden“ Auftritt bei der Berlinale voraus. Die „Zeit“, erschienen am 6. Februar, dem Festival-Eröffnungstag, erkannte zunächst zurückhaltend auf „spröde Großstadtelegie“. Auf „viele Arten von Gelächter“ auch, die dieser Film auslöse, „herzhaftes und höhnisches“. Und formulierte programmatisch, wie deutlich Regisseur Becker den Klamauk à la „Sonnenallee“ hinter sich gelassen hatte – mit einem, ja, so muss sowas eben in der „Zeit“ tönen, „psychologischen Epochenbefund“.

Dann schlug die Stunde der Tagespresse. Das heißt: Sie hörte das Weckerklingeln, aber drückte lieber nochmal auf die Schlummertaste. Am 8. Februar meldete sich als erste die „Berliner Zeitung“, und sie tat es, epochenbefundtechnisch ausgedrückt, geradezu historisch schlecht gelaunt. Eine „Publikumsverarschung“ witterte sie hinter der „skurrilen Nummernrevue“ und sehnte sich, auch in der Notwendigkeit, DDR-Schicksale ernst zu nehmen, nach mehr „Tragik“. Aber wo finde man die schon im „armseligen“deutschen Film?

Das wollte tags drauf der Tagesspiegel, gründlich, sachlich und vor allem kritisch, so nicht stehen lassen. Ein abwegiger „Witzvorwurf“ schalle dem Film da aus dem „deutschen Osten“ entgegen, schrieb der Verfasser (auch des Artikels übrigens, den Sie gerade lesen), dabei habe West-Becker mit seinem West-Drehbuchautor Lichtenberg doch „einen klasse Stoff“ über das „sehr abgeschlossene Sammelgebiet DDR“ erfunden. Geradezu perfekt getimed treffe diese melancholische Komödie ins deutsche Herz, bloß mit dem „drangehängten“ Ehe-Melodram habe der Regisseur seinen Film „verbogen“. Im Ranking des „tip“ landet man damit in der gefürchteten Kategorie „zwiespältig“ – und dahin drängte es prompt die Mehrzahl der dort versammelten Kritiker.

Eher zwiespältig – oder bloß schmaltönig? – fiel auch das Echo jener Medien aus, die ihre Filmkritiken am Tag nach der Prime-Time-Festivalpremiere (Sonntag, 19 Uhr) ins Blatt brachten. Während die „Welt“ sich noch über die „wunderbar zwischentönigen“ Gags freute, meldete die „taz“ den Film wegen seines TV-Looks – „so erwartbar wie eine Folge von ,Polizeiruf 110’“ – mal eben bei der Hatz ums Goldene Bambi an, statt um den filmkunstwerklich so viel höherwertigen Goldenen Bären. „Das Drehbuch ist überhaupt nicht gut“, notierte ebenso streng die „Frankfurter Rundschau“ und verurteilte den überdeutlichen Einsatz der Off-Stimme im Film zumindest auf das Deutlichste.

Ganz und gar lax dagegen gingen die historisch überregionalen Vorschreibermedien in ihren Festival-Sammelartikeln mit dem „Lenin“-Film um: Die „Süddeutsche Zeitung“ registrierte am 10. Februar gelangweilt die beschauliche Melancholie eines „Familien-Movies“ und wünschte sich von den deutschen Wettbewerbsbeiträgen „Lichter“ und „Der alte Affe Angst“ bittschön fühlbar mehr Power. Und auch die „FAZ“ mochte sich über die knappe Würdigung der „originellen Ausgangssituation“ hinaus kaum zu weiterer Gedankenarbeit aufraffen. Immerhin diagnostizierte sie im Vorübereilen einen „speziellen Fall von Ostalgie“, der – wohl noch ein Hinweis an die offenbar nachhaltig verstimmte „Berliner Zeitung“ – eben „keine Sache der Ideologie“ sei, „sondern eines Lebensgefühls“.

Das war’s? Das war’s – jedenfalls fast. Die echten erkenntnispraktischen Glanzlichter setzten zwei deutsche Pressetitel, von denen man filmkunstprofessionelle Wetterfühligkeit am wenigsten erwartet hätte – oder liegt’s nur daran, dass sie eher am Rande des mitunter arg behäbigen kulturellen Mainstreams operieren? Das „Neue Deutschland“ beschloss am 11. Februar die Fast-Nicht-Debatte der Filmkritik mit einem klaren Ost-Bekenntnis. „Good Bye, Lenin!“ sei der gültige Film „über unsere falschen Vorstellungen und echten Träume“, „unsentimental genau“, ja, ein „Wunder“, für das man ausdrücklich dankbar sei. Womit das Blatt immerhin noch einmal zum Leitmedium geworden wäre – zumindest im Vorausblick auf die insgesamt harmonische Summe, die wir heute aus „Good Bye, Lenin!“ ziehen.

Ja, und da ist noch, verschämt sei’s gesagt, die Boulevardpresse, genauer, die Berliner „BZ“. Das Blatt, das seine Filmhinweise grundsätzlich mit mal applaudierenden, mal schmollenden Bärchen schmückt, versenkte am 10. Februar mit zwei klaren prognostischen Sätzen die gesamte deutsche Filmkritik. „Good Bye, Lenin!“ sei eine „hinreißende Wende-Komödie, über die Ost und West vereint lachen können“, urteilte die Zeitung. Und: „Diesem Film wäre ein Bären-Tanz ohne Ende zu gönnen!“

Chapeau, Kollegen. So ist’s gekommen, so und nicht anders. Zum Ende der Berlinale bereits, drei Tage nach Kinostart, hatte die Bavaria „Good Bye, Lenin!“ in über 20 Länder verkauft. Bald kamen 50 weitere hinzu. Und in Deutschland rannten nach der ersten halben Million noch sechs weitere in diesen Film, aber das hatten wir schon. Stolz sind wir heute alle auf den Welterfolg von Beckers Bestem. Und wissen auch, warum es dazu kommen musste. Oder etwa nicht? Fragen Sie einfach uns, Ihre deutschen Filmkritiker. Wir sind immer super im Bilde.

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