Berlin : Becketts Kopf

Frank Jansen

Es ist schwer, angesichts der bunten und mit allerlei Schrägheiten gesegneten Berliner Barszene noch ein originelles Lokal zu eröffnen. Eigentlich hat man schon alles irgendwo in Mittekreuzbergwilmersdorf oder anderswo gesehen. Dennoch hielt der drinking man kurz inne, als ihm von einer Bar namens „Becketts Kopf“ berichtet wurde. Becketts Kopf? Welches Spiel wird da mit dem Schädel des 1989 verstorbenen irischen Schriftstellers getrieben? Oder hängt in diesem Lokal ein Steckbrief dieses Mannes, der die Geduld unzähliger Menschen strapaziert hat, indem er sie auf einen gewissen Godot warten ließ? Es schien drinking man und compañera geboten, einmal genauer nachzuschauen.

Das Lokal findet sich in Prenzlauer Berg in der Pappelallee, die allerdings von anderen Bäumen gesäumt wird. Aber es ging ja nicht um das widersprüchliche Verhältnis der Stadt Berlin zur Botanik, sondern um Beckett. Und den Kopf gibt es tatsächlich: An der Fensterfront einer kleineren Bar hängt ein Leuchtkasten mit dem unübersehbar knitterigen Konterfei des Irishman. Ganz allein. Godot hatte sich natürlich verspätet.

In dem schummerigen Lokal dominieren schwere Lederfauteuils. Sie sind ebenso rot wie die Wände. Der Tresen ist einer der schönsten Berlins. Sein Korpus ist von akkurat angeordneten, dunkelbraunen und goldenen Mosaiksteinchen bedeckt. Über dem Tresen hängen drei zarte Röhrenlampen mit orangig geäderten Schirmen. Auch die Wand mit dem Flaschenregal ist mit Steinchen verziert, und sie umrahmen ein Blumenornament.

Die sehr freundliche Keeperella brachte zwei Suhrkamp-Taschenbücher, Becketts „Molloy“ und „Der Namenlose“. Ja danke, aber – wir möchten die Karte. Da lächelte die Dame und zeigte auf die Werke des Schriftstellers: zwischen den Seiten sind Blätter eingeklebt, auf denen die Drinks präsentiert werden. Mit unterschiedlichen Preisen, je nach der gewünschten Basisspirituose. Ein Gin Tai mit Tanqueray oder Bombay Sapphire kostet dann ein bisschen mehr als einer, in den nur Gordon’s fließt.

Angesichts der schwierigen Lichtverhältnisse – natürlich nur deshalb – verzichteten drinking man und compañera darauf, sich bei Beckett festzulesen und orderten zügig Cocktails. Der Gin Tai, den die Keeperella brachte, hätte etwas kälter sein können. Außerdem ist ein Whiskyglas für diesen Drink eigentlich nicht das passende Gefäß. Der Cosmopolitan, so klagte die compañera, hätte nicht ganz so stark sein müssen. Der Negroni hingegen war einwandfrei. Die compañera begnügte sich zuletzt mit einem Ginger Ale.

Die Cocktails haben noch kein Nobelpreisniveau erreicht, doch diese Bar ist mit ihrem Namen, dem Interieur und den in Becketts Opus versenkten Getränkekarten ein origineller Tupfer in der Berliner Schänkenszene. Möglich, dass hier auch endlich Godot aufläuft.

Becketts Kopf, Pappelallee 64, Prenzlauer Berg, täglich von 20 bis 4 Uhr

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar