Berlin : Bedenkliche Diagnosefür Kinder-Gesundheit

ANNETTE KÖGEL

Allergien, Seh- und Haltungschäden treten häufiger aufVON ANNETTE KÖGEL Berlin. Wenn Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gehen, lautet die Diagnose immer seltener Mumps, Masern oder Windpocken.Kinderärzte stellen zunehmend Asthma, Haltungsschäden, Neurodermitis sowie Streßerkrankungen bei ihren jungen Patienten fest.Jedes fünfte Berliner Kind leidet unter einer Allergie.In Zukunft, so die Kinderarzt-Prognose, werden sich Jugendliche wegen zunehmender Beschäftigung mit dem Computer häufiger Augenschäden zuziehen.Bei der Gesundheitsverwaltung werden derzeit neue Vorsorge-Projekte erarbeitet.Eine Tafel Schokolade, eine Tüte Chips, und ab vor den Fernseher - wenn Kinder ihre Freizeit auf diese Weise verbringen, bleibt das nicht ohne Folgen: Jedes fünfte Kind ist zu dick.Hinzu kommen Haltungsschäden.Auch Streß plagt die Jüngsten.Studien des Bielefelder Jugendforschers Klaus Hurrelmann ergeben, daß Grundschüler mit den erhöhten Anforderungen, die Schule und Elternhaus stellen, oft nicht klarkommen.Die Kinder reagieren aggressiv oder depressiv, greifen zu Alkohol, Drogen oder Medikamenten.Seine Erkenntnis: Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren greifen zunehmend zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Erschreckende Ergebnisse - die der Vorsitzende des Landesverbandes vom "Berufsverband der Ärzte für Kinderheilkunde und Jugendmedizin", Heinrich Hundt, für Berlin bestätigt."Auf Schulstreß regieren Kinder häufiger mit psychischen Defekten wie Schlafstörungen und Unruhe." Auch die zunehmende Umweltverschmutzung mache seinen Patienten zu schaffen.Unter anderem wegen des Autoverkehrs "wird das Bronchialsystem immer empfindlicher".Hundt und Kollegen diagnostizieren zunehmend Asthma.Schon Kleinkinder reagieren auf Kleidungsstücke oder Lebensmittel allergisch und leiden an Neurodermitis."Früher reizten die Pollen allein den Körper.Heute sind sie mit Schadstoffen und Rußpatikeln besetzt", erklärt der Arzt.Jedes fünfte Kind leide unter einer Allergie.Seine Patienten klagen häufiger über Kopf- und Augenschmerzen."Das stundenlange Sitzen vor dem Computer führt auf Dauer zu Sehschäden, die sich sich teils erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen werden." Die Statistiker der Senats-Gesundheitsverwaltung bestätigen einen Anstieg bei den Haltungsschäden: 1992 ergaben amtsärztliche Untersuchungen Schäden bei 10,6 Prozent aller Schulabgänger, 1994/95 waren es bereits 11,9 Prozent.Bei den Allergien kletterte der Wert von 8,2 Prozent auf 11,8 Prozent.Ebenfalls bedenklich: 15,5 Prozent aller Erstklässler litten 1994/95 unter psychischen Störungen wie Stottern.Schul-Untersuchungen seien im Vergleich zu langfristigen Kinderarzt-Diagnosen zwar "Momentaufnahmen", aber dennoch repräsentativ, sagte Verwaltungssprecherin Dagmar Ulrich.Eine Zunahme der Allergien könne auch daher rühren, daß die Amtsärzte in in letzter Zeit bei Fortbildungsveranstaltungen für das Erkennen der Krankheit sensibilisiert worden seien."Wir haben keine dramatischen Zunahmen, aber die steigenden Werte stimmen bedenklich." Daher erarbeite die Verwaltung neue Präventions-Konzepte.Genaueres war dazu nicht zu erfahren. Unterdessen haben die Krankenkassen die Unterstützung des bundesweit einmaligen Projekts zur Gesundheitsvorsorge, der "Kinderakademie Sterntaler", eingestellt.Sie ist Partnerinstitut der Berliner Ärztekammer.In den vergangenen fünf Jahren informierten die Mitarbeiter in AOK-finanzierten Präventionskursen über 5000 Kinder, berichtet Achim Wannicke, Direktor der Kinderakademie (Wittelsbacher Straße, 10707 Berlin, 88 59 50 0).Seit einem Jahr müssen Eltern und Lehrer die Gebühren von 190 Mark für den Unterricht selbst bezahlen.Zwei Monate lang stehen Übungen zur Selbsterfahrung sowie Tips für Sport und Ernährung auf dem Stundenplan.Die Kinderakademie organisiert auch Fortbildungsseminare für Lehrer. "Eltern sollten sensibler auf Beschwerden achten", rät Achim Wannicke.Und Kinderarzt Heinrich Hundt empfiehlt: Eltern sollten in Gegenwart ihrer Kinder auf keinen Fall rauchen; sie sollten den Nachwuchs zum Sport anregen, Kinder nicht zu lange vorm Computer sitzen lassen, sondern mit ihnen öfter ins Grüne fahren.

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