Bedrohte Atelierhäuser in Berlin : Atelier ade

Berlin sei der wichtigste Ort in der Welt, an dem neue Kunst entsteht, heißt es. Doch der Platz dafür wird immer knapper. Atelierhäuser und Werkstatt-Etagen werden verdrängt, um Wohnraum Platz zu machen. Dabei gibt es Ideen, beides miteinander zu verbinden.

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In den Gerichtshöfen in Wedding sind Künstler um ihren Verbleib besorgt. Hier das Atelier von Birgit Bayer Weiland.
In den Gerichtshöfen in Wedding sind Künstler um ihren Verbleib besorgt. Hier das Atelier von Birgit Bayer Weiland.Foto: Thilo Rückeis

Wo Künstler arbeiten, wird für gewöhnlich nicht aufgeräumt. Ateliers sind Werkstätten, dazu da, Werke entstehen zu lassen, die sich sehen lassen können. Alles andere ist egal. Aber nicht an diesem Nachmittag im Atelierhaus Prenzlauer Promenade. Hier werden noch unfertige Kunstwerke an die Seite geschoben, Stühle angeschleppt, auch solche mit bunten Farbklecksen. Ein Künstler raunt seinem Kollegen zu, dass er sich doch bitte selbst darauf setzen möge und nicht einer der Gäste. Die Kleckse sind zwar eingetrocknet, aber wenn es doch nicht sein muss! Jemand hat Butterkekse und Kuchen auf den Tisch gestellt.

Kaum einer von den 20 Männern und Frauen, die Besuch erwarten, rührt das Gebäck an. Eine Delegation Abgeordneter und Senatsverwaltungsmitarbeiter hat sich angekündigt, in ihrer Mitte Kulturstaatssekretär Tim Renner.

Sie müssen reden. Denn wenn es schlecht läuft, wird es hier bald keine Ateliers mehr geben. Die Zukunft des Künstlerquartiers steht infrage. Schon Renners Vorgänger André Schmitz hat sich für die Künstler in Pankow eingesetzt, die in dem Plattenbau der früheren DDR-Akademie der Wissenschaft untergekommen sind. Aber der Liegenschaftsfonds, dem das sanierungsbedürftige Gebäude gehört, hat das landeseigene Unternehmen Berlinovo damit beauftragt, den Standort zu entwickeln. Geplant sind Studentenwohnungen – auch die braucht Berlin dringend.

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Gestatten, Tim Renner. Hier bei einem Tagesspiegel-Interview am ICC, rechts der Funkturm. Sein Urteil übers ICC: "Das ist wie der Alexanderplatz in Ost-Berlin. Eine herrliche Kulisse für Videoclips mit begrenztem Nutzwert."
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26.04.2014 14:27Gestatten, Tim Renner. Hier bei einem Tagesspiegel-Interview am ICC, rechts der Funkturm. Sein Urteil übers ICC: "Das ist wie der...

Für die Künstler ist das eine schwierige Ausgangslage. Sie werden gegen eine Gruppe ausgespielt, die ebenfalls Unterstützung braucht. Ob man nicht nach Lösungen suchen könne, von denen alle Seiten etwas haben, fragen die Künstler in die Runde. Sie haben da ein paar Ideen.

Bisher nutzen sie nur einen Teil des Gebäudes, sagen sie, gern würden sie das Areal zu einem großen modellhaften Kulturstandort entwickeln, mit noch weiteren Ateliers und mit Wohnungen für die Studenten der nicht weit entfernten Kunsthochschule Weißensee. Sie schlagen eine schrittweise Sanierung vor, damit sie während der Baumaßnahmen nicht ausziehen müssen, die Kosten im Rahmen bleiben und ihre Mieten nicht zu sehr steigen. Und sie würden, sagen sie, in ihren Ateliers Ausbesserungsmaßnahmen selbst übernehmen.

"Hier, zwölf neue Hilferufe"

Darauf müsste Tim Renner was sagen. Wie Magnetnadeln richten sich die Künstler auf den Kulturstaatssekretär aus. Doch der macht erst einmal keine Zusagen, sondern erklärt: „Die Angelegenheit ist sehr komplex.“ Es würden etliche Interessengruppen an der Prenzlauer Promenade mitmischen: die Finanzverwaltung, die für den Liegenschaftsfonds zuständig ist, und das Ziel hat, mit landeseigenen Immobilien den Haushalt zu konsolidieren; der Bezirk, der gerne die Studentenappartements hätte und vielleicht auch noch eine Kita; und dann seien da natürlich noch er und die Kulturverwaltung, stellvertretend für die Künstler. Doch in diesem Kräftespiel sieht er auch eine Chance. „Im Idealfall ist das hier ein Referenzprojekt.“ Und Renner nickt aufmunternd. Sein Referenzprojekt.

Als Tim Renner vor wenigen Monaten ins Amt gelangte, hatte er angekündigt, sich in die Liegenschaftsvergaben der Stadt zugunsten der Künstler einzumischen. Hier könnte ihm gelingen, die Prenzlauer Promenade zum Exempel seines Einflusses zu machen. Renner versucht zu trösten: „Ihr seid damit nicht allein.“

Tatsächlich gehen zurzeit so viele traditionelle Atelierstandorte verloren wie nie zuvor. „Hier, zwölf neue Mails“, sagt Florian Schmidt, nachdem er einen Ordner in seinem Mailprogramm geöffnet hat, eigens eingerichtet für die Hilferufe der Künstler. Schmidt ist nur unwesentlich länger im Amt als Renner, seit Anfang März soll der 39-Jährige als neuer Atelierbeauftragter einer Entwicklung entgegenarbeiten, die viele Akteure in Berlin für unaufhaltsam halten: die Verdrängung der Atelierhäuser (Hier erklärt Florian Schmidt im Interview, was er gegen den Notstand tun will). Momentan wird ihm der Job nicht gerade leicht gemacht, der tägliche Strom von Alarmmeldungen reißt nicht ab. An Schmidt schreiben Mitglieder der Kunstquartiere oder Atelieretagen, die sich über die Stadt verteilen. Meist an Orten, die vor Jahren einfach übrig geblieben waren aus der industriellen Vergangenheit Berlins. Viele Fabrikgelände, Gewerbebauten in Hinterhöfen, Brauereien oder Betriebshöfe wären verfallen, wenn Künstler sie nicht genutzt und so über die Zeit gerettet hätten.

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