Berlin : Bedrohte Biotope

Naturkost-Supermärkte erobern die Hauptstadt. Alteingesessene Händler sorgen sich ums Geschäft

Juliane Schäuble

Fast über Nacht war das Sicherheitsgefühl weg. Seit 13 Jahren betreibt Edith Parthesius-Blum mit ihrem Mann den kleinen Naturkostladen Alraune in der Pankower Wollankstraße. Das Geschäft lief, die Stammkunden kamen regelmäßig, für Kartoffeln, Müsli, Milchprodukte. Beide 50 Jahre alt, hatte das Ehepaar vor, noch lange zu arbeiten. Dann war da auf einmal das Gerücht: In unmittelbarer Umgebung, „Luftlinie höchstens 800 Meter entfernt“, solle eine Bio-Company aufmachen. Ein im Vergleich zu ihren eigenen 90 Quadratmetern riesiger Supermarkt für Bioprodukte, modern und schick. Auf rund 450 Quadratmetern kann die Firma ein Vollsortiment anbieten: knapp 6500 Produkte, viele davon aus dem direkten Berliner Umland und in hoher Bio-Qualität. Durch acht weitere Filialen in der Stadt sind die Preise vergleichsweise günstig. Wie sollen wir da mithalten, hat sich Parthesius-Blum gefragt und richtig Angst bekommen, Existenzangst.

Die kennen viele kleine Naturkostläden, seit der Bio-Boom die Branche zu immer neuen Umsatzhöhen treibt. Denn was in der Summe gut klingt – laut Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) wuchs der Naturkost-Einzelhandel 2006 wieder in zweistelliger Höhe –, bringt mit sich, dass immer mehr an dem Kuchen teilhaben möchten. Und da geht es den kleinen, auf Naturkost spezialisierten Geschäften oft nicht anders als den alten Tante-Emma- Läden: Sie können mit der Angebotspalette, den niedrigen Preisen und manchmal auch der Frische der Produkte schwer mithalten.

Immer weitere und immer größere Bio-Märkte schießen aus dem Boden, vor allem in Berlin. Die Firma LPG eröffnet in den nächsten Wochen den nach eigenen Angaben größten europäischen Bio-Supermarkt in Prenzlauer Berg: 18 000 Produkte auf 2000 Quadratmetern und zwei Etagen. Ende letzten Jahres erst übernahm die LPG eine Spar-Filiale in Charlottenburg, samt deren Mitarbeitern. Und die Expansion ist noch nicht zu Ende: „Wir haben weitere Filialen in der Pipeline“, sagt LPG-Geschäftsführer Ludwig Rieswick. Stark im Kommen sind Bio-Discounter – wie Erdkorn, gegründet von Ex-Aldi-Manager Thomas Hinz. Erdkorn betreibt bundesweit bereits 13 Filialen, davon zwei in Berlin, insgesamt sind 25 geplant. Und nicht zuletzt ist der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel auf den Zug aufgesprungen: Plus, Aldi, Rewe haben schon eigene Bio-Hausmarken; Discounter Lidl hat angekündigt, bald schon 20 Prozent des Umsatzes mit Bio machen zu wollen. „Wir konkurrieren mit allen“, sagt Parthesius-Blum.

Meinrad Schmitt ist Bio-Großhändler der ersten Stunde. Kaum ein Fachhandel in Berlin, den seine Firma Terra Naturkost nicht beliefert. Schmitt glaubt zwar, dass ein Nebeneinander von Großen und Kleinen möglich ist. „Aber die Kleinen müssen sich ein Konzept einfallen lassen.“ Früher habe es gereicht, einfach die Produkte anzubieten. Das sei vorbei. Wichtig seien gute Bedienung und Beratung, das große Plus des Fachhandels. „Wenn ein Laden wirklich schließen muss, hat meist schon vorher etwas nicht gestimmt. Die Eröffnung eines Bio-Supermarktes ist dann nur der letzte auslösende Funke“, sagt Schmitt.

Ähnlich sieht das auch FÖL-Geschäftsführer Michael Wimmer. „Der Trend geht schon klar in Richtung größere Verkaufsfläche und Sortiment. Aber der Markt ist groß genug; wer sich eine Nische sucht, hat gute Chancen.“ Bio sei inzwischen „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“. Immer mehr Menschen entdeckten Bio – auch über die Supermärkte. Märkte wie Bio-Company oder die LPG seien am stärksten für den Zuwachs verantwortlich, ihre Kunden zu fast 80 Prozent Neukunden. „Berlin ist die Hauptstadt der Bio-Supermärkte: Hier gibt es absolut und relativ die größte Dichte.“ 30 sind es derzeit schon.

Ahmet Gürez hat eine Nische gefunden. Sein kleiner Naturkostladen „Ölweide“ in der Pohlstraße ist mittags rappelvoll. Gürez bietet einen Mittagstisch an: Suppen, Salate und Baguettes, moderne, leichte Küche. „Die Kunden nehmen nach dem Essen oft noch was mit“, sagt der türkisch-stämmige Berliner. Mal frisches Obst und Gemüse, aber auch die Snacks und Süßigkeiten sind beliebt. Dazu kommt die Käsetheke, eine beachtliche Auswahl Bioweine, eingelegte Oliven. Die Ölweide ist eine Mischung aus Naturkostladen mit den üblichen Brotaufstrichen und Säften und einem Feinkostladen. Das kommt an, Gürez macht sich keine Sorgen um die Zukunft. Obwohl er zugibt, dass er Glück habe, dass es bisher noch keinen Bio-Supermarkt in direkter Nachbarschaft gebe. Denn auch die werben mit Bedientheken, Feinkost und Cafés.

Edith Parthesius-Blum ist noch nicht sicher, wie es weitergeht. „Einige Kunden sind schon abgewandert.“ In den Herbst- und Wintermonaten, die eigentlich das Hauptgeschäft bedeuteten, seien bisher die Umsatzzuwächse ausgeblieben. „Wir müssen jetzt abwarten“, sagt sie, und dass sie gelassener geworden sei. „Immerhin bin ich nicht alleine.“ So wütend sie manchmal ist, auf die großen Ketten und die mächtige Lebensmittelindustrie – ihren Kunden grollt sie nicht. „Die Bio-Company ist mitten im Einkaufscenter, da erledigen viele eben alles auf einmal.“ Ein kleiner Bio-Laden in Pankow habe schon zumachen müssen, ein zweiter denke darüber nach. Aber so schnell wird Parthesius-Blum nicht aufgeben.

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