Berlin : Beflügelt zwischen Hochhäusern

Jürgen Wolf lebt seit zehn Jahren in einem Dorf mitten in Marzahn – als Müller

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„Ich hab’ meine frühe Kindheit in einer Wassermühle im Oschatzer Land in Sachsen erlebt. Die Vorfahren meiner Mutter sind seit über 500 Jahren im Müllergewerbe. Als Kind sah ich aus dem Fenster auf den Mühlengraben, den Holzplatz vom Sägewerk, auf Felder und Bäume. Hier in Marzahn schaue ich auf die Allee der Kosmonauten und die Landsberger Allee, Straßenbahnen fahren vorbei, und vor meinem Mühlenberg liegt die siebtgrößte Kreuzung Berlins. Außerdem Hochhäuser in alle Richtungen.

Aber ich muss sagen: Die Häuser mag ich. Weil ich weiß, da drüben wohnen meine Kunden. Ohne die gäbe es mich nicht. 10 000 Besucher pro Jahr, die Windmühle ist ein Wahrzeichen von Marzahn. Von denen da drüben waren die meisten schon da, zur Besichtigung, haben Mehl gekauft, manche haben sogar hier bei mir in der Stube geheiratet.

Wenn ich oben an den Flügeln zu tun habe, kann ich bis nach Brandenburg schauen, auf die Ahrensfelder Berge. Zehn Jahre war ich auf Wanderschaft nach meiner Lehrzeit, da habe ich gemerkt, dass das reine Landleben nichts mehr ist für mich. Meine Eltern sind schon nach Berlin gezogen, als ich noch ein kleiner Junge war. Damals haben wir auch in einem Hochhaus gewohnt, in Lichtenberg. Es war nichts Besonderes für mich, ich glaube, ich fand es einfach normal, dass man in der Stadt so lebt.

Ich wollte immer Müller werden, mein Beruf ist meine Berufung. Aber ich brauche die Stadt. Die produzierende Museumsmühle in Marzahn, dass es genau so was gibt, ist fast ein Wunder. Die ist wie für mich erfunden. Hier lebe ich auf dem Dorf und in der Stadt. Die meisten Müller, die es noch gibt, arbeiten heute in großen Industriemühlen, alles computergesteuert, das wäre nichts für mich. Und die Museumsmühle im Park Sanssouci, die steht natürlich malerisch im Park, würde mich aber nicht reizen. Da hat man es ja nur mit Touristen zu tun. Zu mir kommt die ganze Stadt: jeden Tag eine Schulklasse aus einem anderen Bezirk, mit der ich über viel mehr als nur über Mehl und Mühlsteine diskutiere. Ich sage Ihnen: Überall in Berlin gibt es Kinder, die glauben, Kühe sind lila und Getreidekörner aus Plastik. Und damit die noch etwas anderes lernen, dafür gibt es mich – und die Mühle, die so schön schaukelt, vibriert und nach Holz riecht, während sie arbeitet. Marzahn ist mein Zuhause. Von meinem Büro schaue ich auf den Misthaufen und Enten, und am Wochenende gehe ich zum Tanzen nach Friedrichshain.

Was mir an Marzahn gefällt, ist gerade der Kontrast zwischen Dorfanger und moderner Großsiedlung. Und dass der Bezirk sich ständig verändert, lebendig bleibt. Wenn man merkt, die Menschen ziehen von hier weg oder wollen lieber in Fünfgeschossern leben, wird eben umgebaut – dann verkleinert man sich. Ist doch richtig, dass es nun geschieht! Warum muss es immer größer, weiter und höher sein?“ Aufgezeichnet von Kirsten Wenzel

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