Berlin : Befreiung aus der Zwangsehe

Gegen ihren Willen werden viele türkische und arabische Frauen verheiratet. Die Interkulturelle Initiative hilft – doch es fehlt an Geld

Annette Kögel

Das war zu viel. „Als mein älterer Sohn meinem Mann einen Hausschuh in die Hand drückte mit der Bitte, mich damit zu schlagen – weil ich ihm Fernsehverbot erteilt hatte.“ Der Kleine folgte damit dem Vorbild des Vaters, der seine Frau tagtäglich züchtigte. Zu diesem Zeitpunkt war Maha Mohammed (Name von der Redaktion geändert) aus Schöneberg schon fünf Jahre verheiratet. Zwangsverheiratet. Mit einem 20 Jahre älteren Mann, den sie am Tage vor der Hochzeit im Irak zum ersten Mal traf und der sie wenig später in der neuen Heimat Berlin erniedrigte, indem er immer wieder zuschlug. „Zufällig sah ich zu dieser Zeit auf einem Schild einer Sozialberatungsstelle einen arabischen Satz. Da klingelte ich spontan. So begann mein neues Leben.“

Drei Jahre ist das her, und damals verstand Frau Mohammed kein Wort Deutsch. Heute beherrscht sie die Sprache fließend, die 34-Jährige verdient den Lebensunterhalt für sich und die Söhne als Dolmetscherin. Die Wende in ihrem Leben hat sie dem Verein „Interkulturelle Initiative“ zu verdanken – dem bundesweit einmaligen Beratungsverein mit Frauenhaus und Zufluchtswohnungen, der sich speziell um zwangsverheiratete ausländische Frauen in Berlin kümmert. „Weil das Thema Zwangsehe zunehmend öffentlich thematisiert wird, wenden sich immer mehr Frauen an uns. Doch die Mittel sind knapp“, sagen Rada Grubik und Luise Baghramian – die Ex-Jugoslawin und die Iranerin haben den Verein vor drei Jahren gegründet (Telefon 801 95 980). Die beiden arbeiteten zuvor im autonomen Frauenhaus. „Da haben wir schnell gemerkt, dass nicht-deutsche Frauen besonderer Hilfen bedürfen“, sagt die 44-jährige Rada Grubik.

So wie Maha Mohammed. „Von deutschen Frauen habe ich oft die Frage gehört, warum ich mich denn nicht einfach scheiden lasse.“ Doch das half ihr nicht weiter. Denn so leicht ist das nicht, wenn einen die Familie verstößt, weil sie Scheidung als Schande empfindet. Wenn der Mann einem damit droht, den Kindern etwas anzutun. Wenn man keinen Beruf hat. 145 Frauen und 127 Kinder mit einem ähnlichen Schicksal wie Frau Mohammed fanden 2003 im kleinen Frauenhaus der Interkulturellen Initiative mit 25 Plätzen Unterkunft. Zudem lernten 37 Frauen und 59 Kinder in den zehn Zufluchtswohnungen ein selbstständiges, freies Leben kennen. Dieses Jahr flüchteten schon 282 Frauen und Kinder ins Frauenhaus mit geheimer Adresse.

Der Senat fördert die Interkulturelle Initiative mit zwölf Mitarbeiterinnen verschiedener Nationalitäten – doch das Geld reicht längst nicht. „Die Wohnungen müssen oft renoviert werden“, sagt Luise Baghramian. Es fehle Geld für Kleidung, Essen, Spielzeug. Und für die so wichtigen Deutsch-, Integrations- und Computerkurse. „Damit mehr Frauen wie ich den Weg in ein neues Leben finden“, sagt Maha Mohammed mit einem Strahlen im Gesicht.

Wir freuen uns über Spenden an: Spendenverein Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Kontonummer 25 00 30 942, Berliner Sparkasse, Bankleitzahl 100 500 00. Bitte geben Sie Namen und Anschrift komplett an, damit wir Ihnen den Spendenbeleg zuschicken können. Auch Onlinebanking ist möglich. Alles über „Menschen helfen!“ im Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben