Behinderte : Ein Abend mit Barrieren

Behindertengerechtes Berlin? Nicht alle Theater oder Kinos in Berlin haben geeignete Zugänge für Rollstuhlfahrer eingerichtet. Bei Hertha kommentiert ein Sprecher die Spiele für blinde Gäste.

Johannes Boie

Großer Ärger statt schöner Abend: Student Sebastian Weinert wollte mit seiner Freundin Indra Heinrich ins Musical im Theater des Westens. Doch schon vor Beginn des „Tanz der Vampire“ habe es erst mal Stress an der Kasse gegeben, erzählt der Student. Die Eintrittskarten waren jedoch schon vor Monaten gekauft: Mitte Oktober hatte das Paar im Vorverkauf zwei Tickets für 57 Euro gekauft. „Beim Besuch der Vorstellung sollten wir plötzlich diese Karten gegen teurere umtauschen, um in der zweitteuersten Kategorie im Hochparkett zu sitzen“, sagt Weinert. Warum er andere Karten nehmen sollte: Seine Freundin sitzt im Rollstuhl, und die Firma Stage Entertainment, die das Theater betreibt, bietet nur in dieser teureren Preiskategorie Plätze für Rollstuhlfahrer an.

Pressesprecher Andreas Künne führt das auf die baulichen Begebenheiten des 111 Jahre alten Hauses zurück: „Rollstuhlfahrer sitzen bei uns auf den besten Plätzen im Hochparkett, die für Behinderte und deren Begleitung um 20 Prozent vergünstigt sind.“ Trotzdem sind die Karten teilweise doppelt so teuer wie Karten aus der günstigsten Kategorie. Zusätzlich erweckt eine Preisübersicht auf der Internetseite des Theaters den Eindruck, dass Rollstuhlfahrer auch Tickets aus den günstigen Kategorien erwerben könnten. Die Übersicht will Stage Entertainment jetzt ändern.

Martin Marquard ist der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Ihm ist das Theater des Westens als Negativbeispiel bekannt. „Dort erfüllt man gerade mal die Auflagen“, sagt er. Das sind mindestens zwei Plätze pro Veranstaltungsort, die für Rollstuhlfahrer frei gehalten werden müssen. Ins Theater des Westens komme ein Rollstuhlfahrer auch nur per Aufzug, der von einem Angestellten bedient werden müsse.

Einige Veranstaltungsorte seien nach wie vor nicht barrierefrei. Marquard nennt als Beispiel die Sophiensäle, das Hau 2, die ehemalige Schaubühne am Halleschen Ufer, oder auch das YorckKino in Kreuzberg. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gebe es zwar Rollstuhlzugänge, dort müsse man aber als Rollstuhlfahrer ganz hinten sitzen, und das bei einem nicht ansteigenden Boden. Immerhin könnten Besucher dort Rabatte kombinieren: etwa freien Eintritt für den Begleiter und ermäßigten Eintritt, wenn der Behinderte zum Beispiel Student ist.

Trotz all der Ärgernisse sei Berlin aber auf einem guten Weg, versichert Marquard: „Viele geben sich Mühe bei der Integration von Behinderten.“ Ein gutes Beispiel sei Hertha BSC. In mehreren Stadionblöcken sitzen Sprecher, die für Sehbehinderte das Spiel über ein spezielles Audio-System kommentieren. Rund 170 Plätze stehen im Stadion für Rollstuhlfahrer aus allen Preiskategorien zur Verfügung. Wer einen Behindertenausweis der Kategorie „B“ („Notwendigkeit ständiger Begleitung“) besitzt, hat Anspruch auf einen zweiten, kostenfreien Sitz. Auch im Friedrichstadtpalast hat ein Begleiter freien Eintritt, lediglich die teuerste von sechs Platzgruppen ist davon ausgeschlossen. Die Betreiber wollen noch dieses Jahr ein spezielles Audiosystem für Behinderte nachrüsten. Rollstuhlfahrer sitzen im Friedrichstadtpalast in der ersten Reihe, fünf Plätze stehen insgesamt für sie zur Verfügung. Im neuen Admiralspalast wird es 17 Plätze geben, die sich aus allen Preiskontingenten zusammensetzen.

Ähnlich wie im Theater des Westens in der Kantstraße spricht die Bauaufsicht auch im Deutschen Theater ein erschwerendes Wort mit. Dennoch schafft man es dort, Plätze im Parkett anzubieten. Genau wie auch das Berliner Ensemble bietet das deutsche Theater Audiounterstützung für Hör- und Sehbehinderte an.

Einen schönen Musical-Abend konnten sich Sebastian Weinert und Indra Heinrich dann doch noch im Theater des Westens machen: Ein Mitarbeiter zeigte sich kulant und erließ dem Paar den Aufpreis. Johannes Boie

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